Leseprobe aus "Die Philosophie des Satanismus"
Copyright 2005 Edition Esoterick

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KAPITEL 5
POLITIK UND GESELLSCHAFT

     Wenn man unsere Gesellschaft einmal genau betrachtet, läßt sie sich auf einige wenige Muster und Abläufe reduzieren, auf denen ihre Grundlagen errichtet sind und durch welche ihre Strukturen bestimmt werden, die wiederum alle auf einem einzigen Prinzip basieren, dem eigentlichen Hauptantrieb für alles was in der christlich geprägten Welt passiert: Angst.

Obwohl das Christentum an ein Leben nach dem Tode glaubt, fürchtet die Christenheit nichts mehr als den Tod, und je frommer der Christ, desto größer seine Angst davor. Diese Angst vor dem Tod und den irrsinnigsten Vorstellungen, was danach folgt, führt zu dem neurotischen Bestreben, möglichst gottgefällig und gottesfürchtig zu leben, um nicht zu hart bestraft zu werden oder gar in der Hölle zu landen. Dies hat zur Folge, daß die Angst davor, etwas falsch zu machen oder zu »sündigen«, auf alle Bereiche des Lebens übertragen und somit zur treibenden Kraft im Leben des frommen Christen wird. Auf diese Weise entsteht aus der Angst vor dem Tod die noch größere Angst vor dem Leben.

Die institutionalisierte Religion erklärte zu den ohnehin schon unnatürlichen und masochistischen Grundlagen des Christentums zusätzlich noch alle natürlichen Gefühle und Instinkte des Menschen zu  Todsünden, und da die Menschen nicht in der Lage sind, ihre wahre Natur zu unterdrücken, da diese sich immer wieder durchsetzt, entwickelt in der Folge jeder Mensch bewußt oder unbewußt Schuldgefühle, weil er gegen die Gebote Gottes verstoßen hat, und deshalb jemanden braucht, der ihm sagt oder zeigt, wie er seine Schuld wieder bereinigen kann. Dieser Mechanismus ist es, welcher der Kirche bislang ihre Existenzberechtigung verliehen hat, und es in großen Teilen der Welt auch noch immer tut.

Nun entsteht in einem System, welches eine Hälfte des Lebens (nämlich diejenige, die nicht hell, nett, freundlich, friedlich, feierlich, ehrfürchtig, fromm, demütig, usw. ist) und einen Großteil des emotionalen Spektrums als »böse« definiert, gleichzeitig aber von seinen Anhängern verlangt, daß sie nichts »Böses« tun sollen, aufgrund der kollektiven Unterdrückung ein gigantischer Schatten, der wiederum eine Projektionsfläche verlangt, damit die Menschen sich nicht mit ihrer eigenen »dunklen« Seite beschäftigen, und vor allem nicht die Verantwortung dafür übernehmen müssen. Die Frage nach dem Ursprung des sogenannten »Bösen« wurde von der Kirche mit der Personifizierung all dessen beantwortet, was aus ihrer Sicht gegen den Willen Gottes verstieß, und so wurde der Gegenspieler Gottes erschaffen: Satan, je nach Bedarf als Fürst der Hölle, gefallener Engel Luzifer oder gehörnter Teufel mit Pferdefuß dargestellt. Für die Kirche war die Personifizierung des Satanischen Prinzips eine praktische Sache, konnte man doch jede böse Tat, jede Verfehlung der eigenen Gebote und jede Versuchung, der man erlag, dem Teufel in die Schuhe schieben. Die Geschichte der Kirche zeigt es deutlich und gibt LaVey Recht, daß Satan der beste Freund ist, den die Kirche jemals hatte, da er sie all die Jahre im Geschäft gehalten hat.

Der durchschnittliche Bürger von heute würde natürlich den Glauben an den Teufel ebenso von sich weisen, wie den Glauben an göttliche Gebote, sind doch die meisten Menschen nur noch Christen auf dem Papier. Im realen Leben spielt Religion keine Rolle mehr für sie. Wenn man sie fragt, erklären sie in der Regel, daß »sie sich zwar vorstellen könnten, daß es da irgendwas gibt, irgend eine höhere Macht«, aber die ist weit weg und im Alltag nicht weiter von Bedeutung.

Wenn es jedoch darauf ankommt und die Leute unter Streß stehen, verhalten sie sich interessanterweise wie Entführungsopfer mit Stockholm-Syndrom, und verteidigen die ihnen aufgezwungene oder ankonditionierte Religion des Christentums gegen jede Logik, und erklären, daß das Christentum doch im Grunde genommen nicht schlecht sei, obwohl es ihnen sagt, daß die Auslebung ihrer natürlichen Emotionen, Begierden und Triebe sündig und unnatürlich sei.

An diesem Muster kann man klar ersehen, daß die Leute eigentlich nicht frei und selbständig sein wollen, weil das unbequem ist und die Übernahme der Verantwortung für das eigene Leben bedeuten würde. Die meisten Menschen sind gar nicht in der Lage, ein eigenverantwortliches Leben zu führen, und nachdem das Christentum aus dem täglichen Leben verschwunden ist, hat sich der moderne Mensch andere Dinge gesucht, von denen er sich seine moralischen Maßstäbe diktieren lassen kann. Nicht mehr vor Gott hat er Angst, aber vor tausend anderen Dingen. Früher war es die Angst davor, zu sündigen; heute ist es die Angst davor, unmodern, nicht mehr »up to date« oder nicht mehr »im Trend« zu sein. Das Prinzip aber ist immer noch das gleiche: Es ist die Angst davor, von der Herde nicht mehr anerkannt oder gar verstoßen zu werden, wenn man nicht ihren Maßstäben entspricht und ihre Anforderungen erfüllt. Und als Verkünder der modernen Wahrheiten fungieren in der heutigen Zeit nicht mehr die Priester von der Kanzel, sondern die Massenmedien und die Werbeindustrie.

     »[...] Das ist nicht die Art, auf die es die Medien darstellen wollen. Sie verdrehen es und verwandeln es in Angst. Denn wenn du das Fernsehen anmachst, und die Nachrichten ansiehst, wirst du mit Angst vollgepumpt: Es gibt Fluten, es gibt AIDS, es gibt Mord. – Werbeunterbrechung: »Kauf einen Acura, kauf Colgate. Wenn du Mundgeruch hast, redet keiner mit dir. Wenn du Pickel hast, werden die Mädchen nicht mit dir ficken.«

     Es ist eine Kampagne der Angst und des Konsums. Ich denke, das Ganze ist auf der Idee aufgebaut, alle ängstlich zu halten, damit sie konsumieren. Ich glaube, darauf kann man es reduzieren.« Reverend Marilyn Manson

Ebenso wie bei vielen anderen Themenbereichen, in denen die Berichte so gedreht und verzerrt werden, daß von objektiver Berichterstattung nicht viel übrig bleibt, können es sich die Medien auch nicht leisten, eine seriöse Berichterstattung über Satanismus zu bringen, denn sie würden sich ins eigene Fleisch schneiden, wenn sie die Wahrheit darüber berichten würden. Die echte »Gefahr« des Satanismus liegt nicht in der von den Medien inszenierten und geschürten Hysterie und Angst vor Teufelsanbetern, die kleine Kinder und Tiere opfern, sondern in der Bedrohung des Status Quo durch die wahre Natur des Satanismus. Authentischer Satanismus stellt nicht nur die gängigen religiösen Ansichten der Gesellschaft in Frage, sondern die Bedeutung des Lebens an sich, und damit alles, was die Gesellschaft verkörpert und worauf sie gründet.

Wenn man einige Male bei Ereignissen zugegen war, über die später in den Medien berichtet wurde, kommt man bald dahinter, daß die Berichterstattung das ursprüngliche Ereignis in der Regel verzerrt, verfälscht und einseitig darstellt. Objektive Berichterstattung ist in unserer Gesellschaft zu einem Oxymoron geworden. Nachfolgend möchte ich über ein zum Thema passendes Beispiel berichten:

            Im April 2004 war ich Gast in der Wohnung von Reverend Chris Redstar, zu dieser Zeit noch Agent. Das zweite deutsche Fernsehen wollte für das Kulturmagazin »Aspekte« eine Reportage über Satanismus und Kunst drehen, und ich war von Chris Redstar eingeladen worden, um das Thema Satanismus in der Literatur aus meiner Sicht als Verleger zu erläutern. Weiterhin waren drei Mitglieder der Church of Satan anwesend: der Künstler und Musiker Emage Diakon, der zum Thema Musik aus Satanischer Sicht befragt werden sollte, ein Offizier der amerikanischen Armee, sowie die Partnerin von Chris Redstar.

Der Journalist vom zweiten deutschen Fernsehen glich auf seine Art einem Fußfetischisten, der Schuhverkäufer geworden ist; er wirkte nicht wirklich wie ein Journalist (und daß es ihm nicht um Informationen und Berichterstattung ging, hat er mit dem Ergebnis klar unter Beweis gestellt), sondern mehr wie ein Christ, der sich einen Beruf gesucht hat, in dem er ganz offiziell okkulte Themen behandeln darf, um seine Faszination der dunklen Seite ausleben zu können und gleichzeitig ein Gutmensch zu bleiben: ein Okkultfetischist.

            Mit leuchtenden Augen berichtete er über seine bisherigen Erfahrungen mit okkulten Gruppen und deren Ritualen. Besonders fasziniert hatte ihn offensichtlich ein kabbalistisches Ritual, bei dem einige Mitglieder eines Ordens die ganze Nacht hindurch dämonische Namen gemurmelt hatten, natürlich ohne daß dabei irgend etwas passiert wäre.

            Die Interviews dauerten mehrere Stunden, wobei Chris Redstar mit 30 bis 45 Minuten am längsten interviewt wurde. Emage Diakon und meine Person wurden jeweils 15 bis 20 Minuten befragt. Benutzt wurden jedoch in der ausgestrahlten Sendung gerade mal 30 Sekunden von Chris Redstar, wobei seine Aussagen auch noch aus dem Zusammenhang gerissen wurden.

Nachfolgend eine Wiedergabe des Berichts, der im Mai 2004 ausgestrahlt wurde, jeweils gefolgt von Kommentaren des Autors.

     Sprecher: »Selig die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich«, heißt es in der Bergpredigt.

     »Gesegnet sind die Starken, denn sie werden die Erde besitzen«, so heißt es in der Bibel der ... Satanisten. Die sind wohl auch arm im Geiste, aber ... der Teufel soll sie holen. Was ist eigentlich Satanismus? Es ist wohl eine Mischung aus Esoterik und Rechtsextremismus, und damit ist nicht zu spaßen.

     »Neuerdings gilt Esoterik als eins der gefährlichsten Einfallstore zu rassistischen und rechtsradikalen Ideologien«, warnen Sektenexperten. Jugendämter und Verfassungsschutz ignorieren diese gefährlichen Entwicklungen weitgehend, denn etwa 1% aller Schüler sollen bekennende Satanisten sein. Eine erschreckende Zahl. Aber auch Künstler sind anfällig für diese brutale Religion.«

 

     Bevor der eigentliche Bericht überhaupt begonnen hat, startet der ankündigende Sprecher schon mit polemischen Kommentaren. Und damit den Zuschauern auch direkt klar wird, wo sie Satanismus einzuordnen haben, schiebt er, halb vermutend und halb warnend, Satanismus erst einmal in die rechte Ecke. Von objektiver Berichterstattung kann hier keine Rede sein, es geht statt dessen um suggestive Meinungsbildung. Das »seriöse« Kulturmagazin erwartet von seinen Zuschauern offenbar nicht, daß diese selber denken und sich eine eigene Meinung bilden können. Oder haben die Verantwortlichen vielleicht genau davor Angst? Um die Angst der Zuschauer noch etwas zu schüren, werden noch ein paar offizielle Vermutungen aus den Reihen der »Sektenexperten« hinterhergeschoben, um nochmals klarzustellen, daß es aus deren Sicht bei Satanismus um Rassismus und Rechtsradikalismus geht. Den Eltern unter den Zuschauern wird suggeriert, daß es bereits »erschreckend« viele Schüler gibt, die bekennende Satanisten sind, was natürlich nur »erschreckend« ist, solange Satanismus mit all den »bösen« Dingen gleichgesetzt wird, die in der Phantasie der Sektenexperten rumspuken, obwohl vielleicht auch selbständig denkende Schüler, die das »Wissen« hinterfragen, das man ihnen in der Schule eintrichtern will, für manche Leute »erschreckend« sind.

Die Äußerung, daß »Künstler [...] anfällig für diese brutale Religion [sind]«, ist zugleich Beweis für die Unwissenheit, als auch Bösartigkeit der Berichterstattung. Satanismus ist eine Religion, und kein Virus, für das man »anfällig« ist. Man kann nicht zufällig Satanist werden, sondern weist den entsprechenden Persönlichkeitstypus entweder auf oder nicht, wie in der Einleitung dieses Buches umfassend dargelegt wird. Und die Religion, die Hingabe an das Leben und freie Entfaltung aller Emotionen propagiert, als »brutal« (laut Duden: „roh, gefühllos, gewalttätig“) zu bezeichnen, zeugt von beabsichtigter Diffamierung und gleichzeitig von erstaunlicher Ignoranz.

     Der eigentlich Bericht, der nicht etwa »Satanismus und Kunst« genannt, sondern mit »Satanismus. Das Böse in der Kunst« betitelt wurde, beginnt in Portland, Oregon, und zeigt Magister Diabolos Rex in seinem Atelier. Der Bericht startet selbstredend mit erhobenem Zeigefinger und zeigt deutlich, daß die Berichterstatter nicht außerhalb von »Gut« und »Böse« denken können und ihren Zuschauern dies auch nicht gestatten wollen:

 

     Sprecher: »Das Böse. Künstlerisch verherrlicht von Rex Diabolos Church. Der Maler in seinem Studio in Portland Oregon. Wie schon seine Eltern ist er Mitglied, ja sogar Magister der Organisation Church of Satan – zu Deutsch: Satanskirche.«

Der Künstler erklärt anschließend: »Meine Arbeit manifestiert eindeutig die Interaktion zwischen mir und den Satanischen Elementen. Meine Rituale, meine Zeremonien haben direkten Einfluß auf das, was meine Bilder ausdrücken.« – Er spricht lediglich von Selbstausdruck, etwas das jedem Künstler zu eigen, aber aus christlicher Sicht offenbar »böse« ist.

     Sprecher: »Seine Bilder – erklärt der Satanist – verkörperten die Gesetze der Natur. Aber ... in Wahrheit spricht aus dieser ... Kunst auch Haß. Haß vor allem auf das Christen- und Judentum. Satanismus ist antisemitisch.«

Noch bevor der Künstler selbst zu Wort kommt, wird seine Aussage schon interpretiert, zerstückelt und in Schubladen gesteckt. Was er gesagt hat, war: »Das Christentum basiert auf einer jüdisch-christlichen Perspektive. Es hat keine Verbindung zur europäischen oder amerikanischen Seele oder den Seelen Japans, Chinas oder Südamerikas. Das Christentum hat nur eine Verbindung zu Israel. Und wir wollen nicht länger zusehen, wie die Welt von dort aus spirituell kontrolliert wird.« – Keine Spur von Haß oder Antisemitismus, da er ja auch nichts gegen die Juden als Rasse sagt, sondern lediglich klarmacht, daß das Christentum nichts mit der ursprünglichen Kultur und Seele der westlichen Welt zu tun hat.

     Sprecher: »Der Teufel ist für die Satanisten das Symbol der Auflehnung gegen die moralischen Normen der Gesellschaft. Natürlich propagieren sie auch schrankenlosen Sex. Im prüden Amerika der 60er ist das eine Provokation.«

 

     Hiermit soll klargestellt werden, daß Satanisten der Inbegriff der Unmoral sind, und nichts Besseres zu tun haben, als gegen die Gesellschaft zu rebellieren.

 

      Satanismus propagiert übrigens nicht »schrankenlosen Sex«, sondern echte sexuelle Freiheit, egal, wie diese für den einzelnen aussehen mag, solange alle teilnehmenden Erwachsenen ihre Zustimmung geben. Sexuelle Freiheit bedeutet jedoch nicht, daß jeder an wilden Orgien teilnehmen und promiskuitiv leben muß, sondern daß es in Ordnung ist, sexuell so zu leben, wie man selbst möchte; sowohl sexuell aktiv zu sein, oder auch asexuell. Geschmäcker sind verschieden, und der eine möchte eben monogam leben, während der andere regelmäßig seine Partner wechseln oder auch mehrere gleichzeitig haben will. Sexuelle Freiheit ist wohl nicht nur »im prüden Amerika der 60er [...] eine Provokation«.

 

     Sprecher: »Mitgründer der Satanskirche war der Filmregisseur Kenneth Anger. Er eröffnet die Tür zur Künstlerszene Hollywoods. Entertainer wie Sammy Davis jr. und auch die Schauspielerin Jayne Mansfield stoßen zu den Satanisten. Mansfield gilt als LaVeys schönste Hexe. Inzwischen gibt es weltweit Sektionen der Church of Satan, in ihrer Sprache sogenannte ´Grotten´. Seit einigen Jahren ist sie auch in Deutschland aktiv. Angezogen fühlen sich vor allem Musiker und Autoren. Ihre Haltung ist schroff darwinistisch, ihre Ideologie am Rande der Verfassungsfeindlichkeit.«

      Nach einem kurzen Name-Dropping für die Zuschauer, wird die nächste suggestive Phrase eingeworfen, die nicht nur irreführend, sondern schlicht falsch ist. Satanismus ist nicht »schroff darwinistisch«, sondern sozial-darwinistisch (zur Erklärung siehe das Kapitel über Sozial-Darwinismus). Die Aussage »am Rande der Verfassungsfeindlichkeit« ist ebenso inkorrekt wie »beinahe schwanger«, und dient nur dem Zweck, Satanismus so schlecht wie möglich dastehen zu lassen. Solange man nicht gegen bestehende Gesetze verstößt oder dazu aufruft, darf man über die Verfassung denken was man will und sich seine eigene Meinung bilden.

     Chris Redstar: »Wenn in der Natur ein Tier nicht überlebensfähig ist, dann stirbt es. Das Rudel zieht weiter und läßt das Tier zurück. In der christlichen Philosophie wird sich um jeden gekümmert. Jeder ist gleich, jeder ist gleich wert und jeder wird – um es in meinen Worten auszudrücken – in der Gesellschaft durchgeschleppt. Ob er es denn nun von sich aus kann oder nicht ist egal – er wird durchgeschleppt. Es widerspricht der menschlichen Natur.«

Auf die Nachfrage, ob er dagegen wäre, daß Menschen durchgeschleppt werden, antwortet Chris Redstar: »Ja! Wir sind absolut gegen jedes parasitäre Verhalten.«

     Chris Redstar: »Wir sehen uns als eine Art ´Unterrasse´ der Menschheit. Eine Art genetische Veranlagung, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen, nicht auf irgendwelche ... Götter zu vertrauen, sondern für sich selbst der eigene Gott zu sein. Und diese Möglichkeit ist von Geburt an gegeben – oder eben nicht.«

      Obwohl Chris Redstar fast eine Stunde lang interviewt wurde und seinen Standpunkt zum sozial-darwinistischen Aspekt des Satanismus ausführlich dargelegt hatte, hat man für die Sendung ein paar aus dem Zusammenhang gerissene Sätze verwendet, da man diese scheinbar gut für die Absicht verwenden konnte, Satanismus als rechtsextrem darzustellen. Und das Wort »Rasse« wird in Deutschland immer noch als politisch höchst inkorrekt erachtet.

     Sektenexperte: »Es ist ein knallharter Sozial-Darwinismus, ja, wo der Starke sich durchsetzt. Äh, hier hat man schon extreme Nähen zu einem, äh, faschistischen Ansatz, zu einem faschistischen Menschen- und Weltbild, und darin sehe ich die Gefahr, daß hier auf einer religiösen Ebene ein faschistisches, äh, Weltbild, äh, hoffähig gemacht wird.«

Der Sektenexperte läßt hier Sozial-Darwinismus so dastehen, als ob nur die Harten und Starken sich durchsetzen, obwohl es beim Sozial-Darwinismus um Fähigkeiten geht, nicht um Stärke. Eine »extreme Nähe zu einem faschistischen Weltbild« ist erneut eine »beinahe schwanger«-Parallele, die als suggestive Phrase die Meinung der Zuschauer dahingehend beeinflussen soll, daß Satanismus faschistisch sei, ein Ausdruck, den die meisten Leute irrtümlich mit »rechtsextrem« oder »nationalsozialistisch« gleichsetzen.

Um die wahre Bedeutung des Begriffes »Faschismus« klarzustellen, eine kurze Definition: Reinhard Opitz beschrieb in seiner Abhandlung Über die Entstehung und Verhinderung von Faschismus[i]: »Faschismus ist diejenige terroristische Form der politischen Herrschaft des Monopolkapitals, die alle politischen Organisationen, in denen sich objektive Interessen der nichtmonopolistischen Schichten artikulieren – also vor allem und in erster Linie die genuinen Organisationen der Arbeiterklasse – der Illegalisierung und Verfolgung aussetzt.«

Satanismus ist eine Religion, die für eine liberale Gesellschaft und Freiheit des individuellen Selbstausdrucks eintritt, und keine politische Organisation. Weder wird aus Satanischer Sicht ein terroristischer, d.h. willkürlicher Polizeiapparat befürwortet, sondern lediglich ausreichender Schutz für die produktiven und gesetzestreuen Bürger, noch strebt Satanismus oder die Church of Satan als offizielle Organisation des Satanismus eine politische Herrschaft an. Satanismus steht nicht für Unterdrückung Andersdenkender, sondern im Gegenteil für die Freiheit und Vielfalt von individuellen Sichtweisen, sowie das Unterlassen von künstlichen Eingriffen in die natürliche Schichtenbildung innerhalb der Gesellschaft.

     Wenn wir die Prinzipien des Faschismus tatsächlich einmal auf die Religion übertragen, so gibt es wohl keine geschichtliche Periode, die so sehr an das politische System des Faschismus erinnert, wie die der Katholischen Kirche des Mittelalters und ihrer Inquisition.

 

     Wer Satanismus als faschistisch bezeichnet, hat weder Faschismus, noch Satanismus verstanden. Auch das Einordnen von Satanismus im politisch rechtsextremen Bereich geht völlig am Verständnis von Satanismus vorbei. Es gibt keine Vorgaben, was ein Satanist gut zu finden oder zu unterstützen hat, weder politisch, noch anderweitig. Satanisten sind pragmatisch und individuell, d.h. jeder Satanist kann nach Belieben jede politische Richtung oder Partei unterstützen oder wählen – oder auch nicht –, die seinen persönlichen Zielen oder Zwecken entgegenkommen, aber es wird niemals der Fall sein, daß alle Satanisten politisch gleich denken werden.

 

     Sprecher: »Auf der Homepage der Satanskirche outen sich prominente Künstler aus dem Rock- und Pop-Genre als Anhänger, darunter der englische Musiker Marc Almond, der mit seiner Band Soft Cell Hymnen der New Wave Aera kreierte.

     Und auch der wohl provokativste Rockkünstler der USA wurde zum Priester der Church of Satan ernannt, Superstar Marilyn Manson.«

 

     Klar, Marilyn Manson darf nicht fehlen, schließlich hat er in der Öffentlichkeit das Image eines »böse Schockrockers, der die Kids zur Kriminalität und Drogenkonsum verleitet. Und obwohl Brian Warner eine Menge anderer clevere Dinge zu sagen hätte, hat man selbstredend einen Kommentar ausgewählt, mit dem er im Bild von »Gut und Böse« auf die Seite des »Bösen« paßt:

 

     Marilyn Manson: »Kunst soll böse sein, Kunst soll teuflisch sein, weil Gott keine Kunst mag, weil Kunst das hinterfragt, was Gott ist.«

 

     Natürlich muß auch der Sektenexperte noch einen Kommentar zur Church of Satan abgeben:

 

     Sektenexperte: »Es gelten keine Tabus mehr und insofern kann man sagen, die Ideologie einer Church of Satan ist fast dann schon wieder passig in unserer Gesellschaft, ja, weil, äh, viele sagen, naja, äh, andere setzen sich doch auch durch, ja und äh, äh, der Schwache ist der Dumme, der Ehrliche ist der Dumme, ja, äh, also warum sollen wir uns nicht einer Ideologie verschreiben, die uns Power verspricht, auch wenn man sozial vielleicht nicht konsensfähiges Verhalten an den Tag legen muß. «

 

     Der »Experte« stellt korrekt fest, daß Satanismus viel besser in unsere Gesellschaft paßt, weil das Christentum mit seinen moralischen Einschränkungen einfach nicht der Natur der Menschen entspricht. Gleichzeitig klingt hier der Neid eines Menschen mit, der es schon in der Schule ungerecht fand, wenn die anderen sich durchgesetzt haben, während er selbst immer schwach, aber ehrlich war.

 

     Es wäre interessant zu erfahren, wie der Herr Sektenexperte darauf kommt, daß Satanismus oder die Church of Satan irgendwem irgend etwas verspricht, denn das ist ganz und gar unsinnig. Satanisten sind diejenigen, die schon vorher Souveränität und Fähigkeiten besitzen und etwas daraus machen. Niemand erhält irgend etwas von der Church of Satan, sondern jeder muß selbst über sein Leben entscheiden und dies gestalten. Und man muß auch nicht »sozial vielleicht nicht konsensfähiges Verhalten an den Tag legen«. Erstens muß man gar nichts. Und zweitens ist »sozial nicht konsensfähig« gleichbedeutend mit »nicht in Übereinstimmung mit der Gesellschaft«, was vieles oder nichts heißen kann, obwohl die Formulierung nur dazu gedacht war, Satanisten zu diskreditieren. Doch mehr als heiße Luft und Polemik haben wir wohl von diesem Sektenexperten nicht zu erwarten.

 

     Sprecher: »Satanische Kunst, das ist nicht nur drastische Provokation der bürgerlichen Gesellschaft um jeden Preis, sondern auch eine neue Form des politischen Extremismus.«

 

     Zum Abschluß werden die Hauptziele des Beitrags noch einmal kurz und prägnant für die Zuschauer zusammengefaßt, damit diese sich einfach merken können, was sie sich jetzt unter »Satanismus« vorzustellen haben. Selber denken ist unerwünscht.

 

     Fazit: Die Macher der Sendung haben zweifelsohne eine enorme Angst davor, die Wahrheit über Satanismus zu berichten, sonst würden sie vielleicht einmal diejenigen etwas mehr zu Wort kommen lassen, die sich damit auskennen und selbst Satanisten sind. Statt dessen versuchen sie verzweifelt mit polemischen Äußerungen, aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten, Warnungen von Sektenexperten und unzähligen Killerphrasen aufzutrumpfen, damit die »Bösen« wieder einmal klar herausgehoben werden und die Gutmenschen sich gegenseitig auf die Schulter klopfen können. Ein echtes Armutszeugnis für das zweite deutsche Fernsehen.

 

    »Was mich irritiert ist, daß selbst wenn die Produzenten einer Fernsehshow ein Zugeständnis machen, indem sie einen echten Satanisten in ihrer Show haben, und nicht nur irgend einen Pseudo-Satanisten, so geben sie doch den selbsternannten ´Experten´ mehr Zeit, als den echten Satanisten. Wie können sie mehr über Satanismus wissen, als die Zugehörigen selbst? Man würde Hitler nicht über die Freuden des Hannukah-Festes befragen. Alles was über Satanismus gesagt werden muß, ist die Wahrheit, und es wird die Sichtweise der Leute mit Sicherheit verändern. Wenn sie jemals eine Dosis echten Satanismus bekommen, stehe der Herr ihnen bei.« Anton LaVey[ii]



[i] Opitz, Reinhard, Über die Entstehung und Verhinderung von Faschismus, in: Das Argument. Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften Nr.87, S.585, Berlin 1974

[ii] Barton, Blanche, The Church of Satan, S.76f., Hell’s Kitchen Productions 1990

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