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Leseprobe aus "Mögliches, Allzumögliches"
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Vom
Zimmermann und der Kunstfertigkeit
Eine Frage, mit der
zu beschäftigen sich lohnt:
Wie mißt man eigentlich den Wert eines Menschen? Warum seinen Wert
messen, mag man fragen. Der Wert aller Menschen ist schließlich von Natur aus
gleich, das hört man schließlich immer wieder. Dieser Konsens wird uns seit
unserer Geburt eingetrichtert, Tropfen für Tropfen, wie bei der chinesischen
Wasserfolter. Wenn dem von Natur
aus so ist, warum muß man dann immer wieder darauf hinweisen? Warum gibt es
Menschen, die dennoch Unterschiede machen? Ist diese Art, Unterschiede zu
machen vernünftig? Und wie macht man im Bezug auf den Wert eines Menschen
vernünftige Unterschiede? Fragen über Fragen, jede mit dem Potential einer
Atombombe. Denn, da wir sozusagen am Ende der Menschheitsgeschichte angekommen
sind, einer Geschichte, die blutiger nicht hätte sein können, wünschen sich
wohl die meisten von uns, frei von Gewalt, Unterdrückung, Verfolgung und
Geringschätzung zu sein. Jeder wünscht sich, wertgeschätzt zu werden, aber
nicht jeder versteht es, sich selbst wertzuschätzen. Darum soll es hier
gehen. Ich beschränke mich
bei meiner Herangehensweise an Themen, die mit Menschen zu tun haben, stets
auf die Sichtweise, wie der Mensch ist,
d.h. wie er sich im Laufe der Geschichte dem Gesicht der Welt gezeigt hat, mit
all seinen vielfältigen Facetten. Wenn du wissen willst, welches Menschenbild
ich habe, schlage ein umfangreiches Buch über die Geschichte unserer Spezies
auf und betrachte ohne dabei zu urteilen, wie wir uns vor dem Antlitz von
Mutter Erde seit jeher benommen haben. Das ist unsere Natur,
so wie sie immer war und wie sie immer sein wird. Mit all ihren Facetten, ob
sie einem gefallen oder nicht. Und sie bleibt unsere Natur, das was wir sind,
und daran wird sich niemals etwas ändern. Welche Methode wäre
geeigneter, zu bestimmen was der Mensch ist, als zu beschreiben wie er ist? Wenn man schon mit dem naturwissenschaftlichen Weltbild
die Dinge in ihre Bestandteile zerlegt und beobachtet, was diese Bestandteile
tun, weil man das Ding an sich
einfach nicht erklären kann, warum macht man beim Menschen einen so
vehementen Unterschied? Ich wette darauf, könnten wir ein Experiment machen,
ein paar tausend Frühmenschen auf einem erdähnlichen Planeten auszusetzen, würden
sie sich im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende zumindest grundmusterhaft
nicht anders entwickeln und verhalten als wir es taten. Warum auch? Die Affen
im Dschungel verhalten sich schließlich kaum anders, und wäre da nicht der
Mensch, kämen sie prima damit klar. Eine andere Art, den
Menschen zu betrachten ist so, wie man ihn gerne hätte, ihm ein Ideal zu
verpassen. Der „gute“ Mensch, der gelernt hat, sich von seinen „bösen“
Seiten zu distanzieren. Der Mensch, der anderen gibt, statt sie zu bestehlen.
Der Mensch, der hilft, statt tatenlos zuzusehen. Der mitleidige Mensch, der
anderen Menschen freimütig das Leid
nimmt.[1]
Diese Ansichten stehen auf einer Ebene damit, zu behaupten, gewisse
Menschengruppen wären aufgrund ihrer ethnischen Herkunft grundsätzlich
besser als andere, auch wenn sie noch so viele Schwachköpfe hervorbringen.
Dies sind nichts als Wunschträume von Gutmenschen, die offenbaren, daß man
zu einer objektiven Bestandaufnahme scheinbar nicht fähig ist oder sogar vorsätzlich
auf sie verzichtet, obwohl man sich der Tatsachen durchaus bewußt ist. Ideale sind bunt
gemalte Bilder, und wie die Geschichte gezeigt hat, ist der Mensch anfällig für
Verführung durch bunte, schillernde und beschönigte Dinge. Ideale dienen der
Orientierung. Sie sind der Hirtenstab des Herrschers, der die Schafe in eine
Richtung treibt. Die Mittel zum Antreiben einer Herde sind dabei immer Angst
auf der einen und Verführung auf der anderen Seite. Wir haben, bedingt durch
unsere Grundbedürfnisse, immer eine existentielle Angst um unser Leben,
deswegen laufen wir. Andere Wesen, in deren System wir hineingeboren wurden,
haben das erkannt und geben uns seit jeher Wege und Ziele vor, in deren
Richtung wir laufen können. Da die Herrscher nicht dumm sind, haben sie es so
eingerichtet, daß wir auf dem Weg, den wir dabei bewältigen, möglichst viel
für deren Wohlergehen sorgen. Das tun wir dadurch, daß wir zum Beispiel
Produkte kaufen, die ein Bedürfnis befriedigen, welches künstlich
implantiert wurde und zu nichts anderem führen soll, als unser Geld, also das
Blut des Organismus Gesellschaft in eine bestimmte Richtung zu pumpen, nämlich
dahin, wo es gerade gebraucht wird. Implantierte Bedürfnisse enthalten oft
zusätzlich noch implantierte Ängste, zumeist unberechtigte oder überzogene.
So habe ich erst jüngst einen Werbespot gesehen, der Mütter dazu anhält,
eine bestimmte Babynahrung mit erhöhtem Eisengehalt zu kaufen, da ein Kind
unter normalen Umständen 13 Liter Kuhmilch zu sich nehmen müßte, um diesen
Eisenbedarf zu decken. Daß die Menschheit bisher auch ohne dieses Produkt
mehr als nur überlebt hat, wird dabei geschickt übergangen. Manche Produkte
erleichtern unser Leben tatsächlich, viele tun es nicht und haben prinzipiell
keinen Nutzen für uns, außer uns zu vampirisieren. Wer sich mit viel Nonsens
belastet, der wird zum einen weniger Geld, also auch weniger Möglichkeiten zu
einem qualitativ hochwertigem Leben eigener
Wahl haben, und zum anderen psychisch und vielleicht auch physisch äußerst
belastet sein durch die künstlichen Bedürfnisse und ihre materiellen
Entsprechungen. Solch ein Mensch wird gemütsschwer und geistig unflexibel. Im
schlimmsten Fall ist er einzig aufgrund von Angst aktiv und sucht Mittel und
Wege, sich davon abzulenken. Außerdem muß er gesellschaftlich anerkannt
bleiben, was ebenfalls eine Angst offenbart, nämlich die vor Ächtung, also
braucht er weitere Dinge, die ihm das ermöglichen. Wenn die Künstlichkeit
eines Bedürfnisses nicht erkannt wird, führt das in einen Teufelskreis, denn
man versucht durch die Erfüllung eines Bedürfnisses, das es von Grund auf
gar nicht gibt – und die Psyche weiß das insgeheim! – seinen eigenen Wert
zu steigern, der nicht auf Erfolg basiert, sondern auf Sättigung. Sättigung
hat wie Erfolg auch Ermüdung zur Folge, unterscheidet sich jedoch von
letzterem durch seine langfristige Nachhaltigkeit, den persönlichen Gehalt
von Bedeutsamkeit und den Transfer der Persönlichkeit auf eine höhere Bewußtseinsebene.
Etwas, das auf Erfolg basiert, hat einen fundamentalen Sinn für uns. Es soll
uns steigern, uns erheben, führt letztlich zur Katharsis. Die Befriedigung
ist in diesen Prozeß inbegriffen, aber wir reduzieren ihn nicht auf die
Befriedigung an sich. Reine Befriedigung steigert uns nicht und muß
logischerweise zu mehr Befriedigung führen, um den Schwindel vor uns selbst
zu verbergen. Die Erfüllung eines unnatürlichen Bedürfnisses, das nur durch
den implantierten Glauben daran am Leben gehalten wird, kann logischerweise
keinen Sinn für uns machen. Auf diesem Weg hat
man sich eine Gesellschaft herangezüchtet, die auf Sättigung und der daraus
resultierenden Abhängigkeit von den
Futtertrögen fixiert ist, und wer es heutzutage versteht, Bedürfnisse zu
erschaffen, ist ein mächtiger Magier und nebenbei noch ein erfolgreicher
Mensch, der seine vergoldete Nase bald himmelhoch tragen wird. Je länger
dieser Prozeß andauert, desto schwieriger wird es auch, diesen zu ändern.
Allein schon das kollektiv schlechte
Gewissen wird aus Trägheit und Angst vor der eigenen Erkenntnis
dagegenhalten. Lieber noch mehr fressen, als sein Verhalten zu ändern. Wie bestimmt man
jetzt den Wert eines Menschen? Ganz einfach: Überhaupt nicht. Es ist nicht
notwendig, das selbst zu tun. Menschen bestimmen ihren Wert ganz von allein
durch ihr Verhalten. Jeder Mensch bringt
von Natur aus Veranlagungen mit, die ihn von jedem anderen Menschen
unterscheiden. Jeder ist in dem, was er ist, absolut einzigartig. Ob ein Mann
oder eine Frau jedoch ein Stern ist, um es mit Aleister Crowley auszudrücken,
wird sich im Verlauf des Lebens dadurch herausstellen, wie das entsprechende
Individuum mit seinen Veranlagungen umgeht. Deine Veranlagungen zu erkennen
ist prinzipiell ganz einfach: Es sind die Bereiche im Leben, die dir leichter
fallen als andere und die dir Freude bereiten. Da, wo eine natürliche
Einfachheit im Tun auftritt, haben wir eine Veranlagung.[2]
Alles, was nicht ohne dauerhaften inneren Widerwillen und ohne verzehrende
Anstrengung zu bewältigen ist, führt zu Quälerei und bestenfalls mittelmäßigen
Ergebnissen. Es erscheint, als wäre man für
etwas nicht geschaffen. Wen das Image des Rockstars anzieht, aber bei dem
der Umgang mit der Gitarre nur Frustration zu Tage fördert, der sollte sich
ein anderes Image suchen oder vielleicht Motorradfahren lernen. Wer glaubt, in
ihm stecke ein bedeutender Künstler, aber keinerlei Talent zum Malen hat, der
sollte sich nicht weiter mit dem Malen abplacken, sondern herausfinden, ob ihm
vielleicht das Schreiben liegt, oder vielleicht den Beruf des Zimmermanns
erlernen, wenn er tatsächlich handwerkliches Können aufweist. Wer dennoch
tapfer gegen die Wand rennt, hat die Kopfschmerzen redlich verdient und sich
als natürlicher Masochist geoutet, wofür es jedoch weitaus einfachere Wege
gibt, dies auszuleben. Nötigen wir aber nun
unseren Kindern unsere Wertvorstellungen oder gar die Wertvorstellungen eines
Drittanbieters auf, lenken wir sie höchstwahrscheinlich von ihren eigenen
Veranlagungen ab, so daß diese entweder unterdrückt werden oder auf
vollkommen unwichtigen Nebengleisen weiterlaufen. Wer ein guter Handwerker
ist, dessen Sohn wird nicht zwangsläufig auch ein guter Handwerker, und wer
Maschinenbau studiert, einfach nur, weil ihm nichts besseres einfällt, der
ist weit entfernt davon, ein Gespür für seinen Charakter zu haben und wird
demzufolge auch andere Menschen nur schlecht einschätzen können. Generell läßt
sich verallgemeinern, daß Modetrends, zu denen auch Studienfächer gehören können,
meist überlaufen sind mit absolut selbstfremden Individuen, die weder von
sich, noch von anderen, noch von der Welt, in der sie leben, eine Ahnung
haben. Gut für uns, da sie sich meist schon optisch so bereitwillig outen. Wer ein wertvoller
Mensch ist oder ein solcher werden will, wird irgendwann in seinem Leben
anfangen, seinen Wert steigern zu wollen, vor sich selbst und vor anderen. Er
wird überhaupt die Frage nach dem Wert stellen, da ihm auffallen wird, daß
es de facto Unterschiede zwischen den Menschen gibt. Er wird sein menschliches
Potential einschätzen, nach seinen Fähigkeiten und nach seinen Grenzen
suchen und versuchen, damit sein Menschenmöglichstes anzustellen. Er wird
sich Herausforderungen suchen und sich daran messen.
Er wird sich von Mißerfolgen nicht aufhalten lassen und sie dazu nutzen, sich
selbst zu beurteilen, um danach seine Handlungen neu zu gewichten. Er wird
sich selbst wertschätzen, indem er
einen Lebenswandel einschlägt, der ihm wertvoll
erscheint, und ist im besten Fall daran interessiert, seine Fertigkeiten zu
verfeinern, um besser zu werden in dem, was er tut. Ein solcher Mensch sucht
den Erfolg, den er sich verdienen will. Erfolg macht glücklich und ist eine
verläßlichere Basis für das Selbstwertgefühl als finanzieller Reichtum,
Markenkleidung, Elektrogeräte oder ein schickes Auto. Diese dürfen gerne
Symptome einer erfolgreichen Persönlichkeit sein, solange man den Unterschied
zwischen Symptom und Ursache zu trennen versteht, denn das eine läßt nicht
zwangsläufig auf das andere schließen. Wer
nach seiner persönlichen Erfüllung strebt, wird Charakter entwickeln, was
nichts anderes bedeutet, als sich seines Wesens bewußt zu werden und danach
zu leben. Dadurch, daß man an Erfolg und Mißerfolg ablesen kann, was zum
eigenen Wesen gehört und was nicht, erlangt man Ganzheit, und das ist die
beste Basis für Gesundheit. Das ist etwas, das jedem von uns zumindest
theoretisch möglich ist. Es ist das Menschenmögliche. [1]
Der Volksmund sagt, geteiltes Leid sei halbes Leid. Ein Irrtum! Leid plus Mitleid
ergibt zwei mal Leid. Egal, ob das Leid danach verschwindet oder eher
zerredet wird. Schließlich ist nicht jeder gute Gesprächspartner
automatisch auch ein guter Therapeut. [2]
Jemand, der sich künstlich in einen Bereich hineinsteigert, aber keine
Einfachheit dabei verspürt, wird mit der Zeit zwar kein Meister der
Kunstfertigkeit, aber wohl durch die gehegten Mühen ein guter Kenner der
Theorie des jeweiligen Gebietes, ein sogenannter Experte. An dieser Stelle darf sich Holger Pinter gegrüßt
fühlen, dessen Essay „Trau keinem Experten!“ mich auf diese
Offensichtlichkeit hingewiesen hat. |