Leseprobe aus "Satans Hofnarr" von Oliver Fehn
Copyright 2010 Edition Esoterick

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Die Prophezeiung

„Was denken Sie, wer heute vormittag vor meinem Geschäft stand und die Auslagen studierte?“ fragt Frau Büttner, die mich unvermittelt siezt. „Adolf Hitler. Ich hätte ihn fast nicht erkannt – er hat jetzt weißes Haar und ist ganz schön korpulent geworden. Ich ging raus, wollte ihn fragen, ob er mir die alte Mein-Kampf-Ausgabe nicht signieren will, aber er rannte einfach weg. Für einen alten Mann hat er noch ziemlich schnelle Beine.“

„Hitler? Interessant.“

Es geht mit ihr zu Ende. Sie riecht auch komisch in letzter Zeit. Und nach dem flüchtigen Haarewaschen benutzt sie keinen Fön mehr, sondern läßt das graue, schlackige Wasser einfach auf ihrem Rücken abtropfen. Eklig, aber auch traurig.

Seit Eva mich rausgeworfen hat, helfe ich wieder im Buchladen aus. Aber es ist, als wäre ich Soldat im Dienste eines Landes, das längst annektiert wurde. Es gibt Tage, an denen kein einziger Kunde kommt. Bestellt jemand etwas, kommt es nie an. Der Laden ist wie eine Traumwelt, überwuchert von Farnen und Moosen. Die meiste Zeit sitze ich mit der Hündin Tess im Nebenzimmer und lerne aus berühmten Büchern, wie man Schriftsteller wird.

„Sie wollen im Herbst wirklich wegziehen und studieren?“ fragt Frau Büttner. „Nicht bei mir bleiben?“

Im Herbst, so vermute ich, wird von Frau Büttner und ihrem Laden und all den Büchern nichts mehr übrig sein, aber so etwas kann man ja nicht laut sagen.

Ich nicke. „Weiß nur noch nicht, was ich studieren soll.“

Sie blickt mir in die Augen, ihr vom Schlaganfall entstellter Mund modelliert sich selbsttätig zu einer Lachmaske.

„Versuchen Sie's doch mit Theologie“, sagt sie.

Daran habe ich überhaupt noch nicht gedacht. Und es erscheint mir absurd. Wenn ich irgendwas nicht werden will, dann Pfarrer. Die katholische Kirche glaubt noch immer an Großmutters „Herrgott“.

„Es ist eine wunderbare Welt“, sagt Frau Büttner. „Sie reisen quer durch die Geschichte, und alles duftet nach Weihrauch und alten Gewölben. Sie sind doch ein Junge, der Geheimnisse mag. Na, dann ist Theologie für Sie genau das Richtige.“

Klar, und heute morgen hat Adolf Hitler sich die Auslagen im Schaufenster angesehen.

Am Abend ziehe ich eine Tarotkarte – den Narren. Seine Botschaft lautet: Scheiß auf die Vernunft und denk nicht an Sicherheiten. Laß deinen verrückten Bauch entscheiden. Vielleicht ist Frau Büttners Vorschlag ja doch nicht so abwegig.

Im Frühjahr melde ich mich für das Priesterseminar im Regensburger Stift St. Wolfgang an. Als ich Adrian davon erzähle, sagt er:

„Ich glaube, ich muß dir eine klatschen.“

„Wieso denn? Das kann interessant werden. Alte Gewölbe und Weihrauch. Du weißt doch, daß ich mich für alles Geheimnisvolle interessiere.“

Er langt sich an die Stirn. „Du bist einfach nur übergeschnappt, Kumpel. Die Büttnerin hat auf dich abgefärbt.“

Auch meine anderen Freunde kapieren meine Entscheidung nicht. Und mir selbst kommen die ersten Zweifel, als ich im Sommer zu einer Informationsveranstaltung fahre und mit ungefähr zwanzig Leuten in einem Raum lande, die mir so unähnlich sind wie kein Mensch, dem ich bisher begegnet bin.

     Es ist ja bekannt, wie evangelische Theologen aussehen: Bart, Sandalen, gelbe Zähne, Deo Fehlanzeige. Katholische Theologen sind ein wenig anders: Entweder ausgezehrt oder fettleibig, in beiden Fällen aber muffig, staubig, leblos. Viele, denen man ansieht, daß sie eines Tages Kinder ficken werden. Ein einziger attraktiver Typ ist dabei – er heißt Steffen und wirkt mit seinem pfiffigen Grinsen wie ein mit allen Wassern gewaschener Junge.

„Du bist auch nicht auf natürlichem Weg hierher gekommen, stimmt's?“ fragt er mich.

„Welcher Engel hat dir denn das ins Ohr geflüstert?“

„Mein Menschenkenntnis-Engel.“ Er schüttelt den Kopf. „Hör mal – lange blonde Haare, Muskeln unter dem T-Shirt, und im Gesicht 'n Dauer-Smilie. So was verpflichtet sich doch nicht zum Zölibat.“

„Ich spiele nur ein Spiel“, sage ich grinsend.

„Ein Spiel? So richtig mit Einsatz und Gewinnchancen?“

„Klar. Der Einsatz ist, daß ich mein bisheriges Leben aufgegeben habe und hierher gekommen bin. Die Gewinnchance besteht – rein theoretisch – darin, daß ich es als Geistlicher vielleicht zu was bringen kann. Aber du hast das Wichtigste vergessen. Zu einem guten Spiel – wie zum Beispiel Poker – gehört auch das Bluffen.“

Steffen grinst. „Dafür sind wir Katholiken doch bekannt.“

„Genau. Und mit bluffen meine ich: Ich habe mein Leben gar nicht aufgegeben. In jeder freien Sekunde umschwirre ich das Licht. Und der zweite Bluff ist: Ich werde nie in meinem Leben auch nur ein einziges Sakrament spenden. Auch das steht in Gottes dickem Buch. Und ich vertraue es dir an, weil ich dich für einen ausgefuchsten Typen halte, okay? Wenn du meine Kreise nicht störst, können wir Kumpels werden.“

Steffen kommt gar nicht auf die Idee, meine Kreise zu stören. Beide haben wir nur wenig Kontakt zu den anderen. Wir spielen unser Spiel. Und eines Tages gestehe ich ihm, daß ich schwul bin, und hoffe, von ihm etwas Ähnliches zu hören.

Denkste.

„Weißt du, was mein Vater ist?“ fragt er. „Ein verkrachter Priester. Und ich soll das wieder gutmachen. Aber kurz bevor ich mich hier einschrieb, wollte ein Mädchen mich verklagen, weil sie angeblich ein Kind von mir hat. Kann sein, daß sie mir alles kaputt macht.“

Ich weiß nicht, ob er diese Storys nicht nur erfindet. Bluffen, wie gesagt, ist eine katholische Spezialität. Im Seminar bewohnen wir ein gemeinsames Zimmer, und eines Abends, nachdem wir uns Wein und Whisky mit aufs Zimmer geschmuggelt haben, saufen wir uns zu, und er ist nackt bis auf eine stark ausgebuchtete Unterhose, und bevor ich das Licht lösche, starre ich lange auf seinen Body und frage mich, wieviel genetisch wertvoller Saft mit diesem Typen eigentlich über den Jordan geht.

Es dauert nicht lange, bis meine Hand sich an seinem Schwanz zu schaffen macht. Ich kann einfach nicht anders.

„Laß das sein“, murmelt er im Schlaf.

Ich erschrecke und höre sofort auf. „Sorry. War ich aufdringlich?“

Er macht das Licht an und blinzelt. Sein Gesicht wirkt alles andere als verärgert. „Das ist es nicht“, sagt er. „Das Problem ist – es könnte mir Spaß machen. Und das will ich nicht.“

„Aber wenn ...“

„Ich weiß, es klingt krank. Laß es einfach so stehen.“

Ich verdrücke mich in mein eigenes Bett. Ein paar Wochen später bricht Steffen sein Studium ab, verschwindet einfach, und ich komme mit einem übergewichtigen Riesenbaby aufs Zimmer, das schon fast eine Enttäuschung wäre, wenn aus ihm nicht irgendwann ein Pädophiler werden würde. Nacht für Nacht muß ich sein asthmatisches Keuchen ertragen, dann kommt er irgendwann nicht wieder. Mit Schlaftabletten vergiftet. Von den anderen brechen so viele ihr Studium ab, daß von den alten Gesichtern bald kaum mehr eins übrig ist.

Nach zwei Jahren werfe auch ich das Handtuch und sattle um auf Diplom. Als Nebenfach wähle ich Religionswissenschaft, und schon dringt wieder Licht in mein Leben.

Aber erst mal sind da diese zwei Jahre – eine Zeit, in der in meinem Leben nicht viel geschieht. Ich fahre nach Regensburg, besuche Vorlesungen, fahre am Wochenende zurück, pauke und treffe mich mit Freunden, dann geht’s wieder ab und von vorne los. Manchmal höre ich im Autoradio uralte Schnulzen und schlafe fast ein. Manchmal flenne ich auch. Aber es ist ein positives Flennen, nichts Verzweifeltes.

An einem jener Tage besuchen meine Kommilitonen und ich zwecks christlicher Horizonterweiterung das Kloster Andechs. Angeblich werden dort pro Jahr zehn Millionen Liter Bier gebraut. „Willst du hier nicht Kunde werden?“ fragt mich ein Mitstudent.

„Okay“, sage ich. „Und was trinkt ihr?“

Nach der Besichtigung sitzen wir im Biergarten des Klosters, und ich will gerade pinkeln gehen, als ein großer, hagerer Mann im Mönchsgewand sich mir in den Weg stellt.

     „Du willst die Weihe empfangen?“ fragt er.

„Die Weihe? Klar, wenn es soweit ist. Heute nicht mehr.“

     Als ich aus dem Pissoir zurückkomme, ist er immer noch da. Seine Augen funkeln seltsam kalt.

„Du wirst die Weihe nie empfangen.“

Ich bleibe stehen. Ist das wirklich ein Mönch, oder nur ein verkleideter Irrer? Und was stört ihn an mir? Wieso kackt er mich hier an?

„Haben Sie ein Problem mit mir?“

Er hüstelt, als wäre das an dieser Stelle vornehme Pflicht. „Ich hab dich heute schon einmal gesehen – während der Führung, im Refektorium. Da war jener schwarze Schatten über dir. Er hat mir gesagt, daß du nie zum Priester geweiht werden wirst.“

Mir wird ein wenig mulmig. Nicht wegen seiner Prophezeiung, sondern weil er einer jener Typen sein könnte, die unerwartet ein Messer ziehen.

„Dann verschwende ich am Seminar also nur meine Zeit?“

Er windet sich. „Sich mit Gott zu beschäftigen, ist nie Zeitverschwendung. Aber du wirst dein Ziel nicht erreichen.“

„Mein Ziel? Wissen Sie wirklich, was mein Ziel ist?“

„Priester zu werden.“

Ich schüttle den Kopf. „Das ist nicht mein Ziel. Nur so ein Köder, den ich für mich selbst ausgelegt habe. Aber mal im Ernst – von welchem schwarzen Schatten reden Sie?“

Er bekreuzigt sich. Dann sagt er: „Der Widersacher.“

„Satan?“

Er bekreuzigt sich noch einmal. Ob es an dem bösen Wort liegt oder an mir, weiß ich nicht.

„Du nimmst mich nicht ernst?“ fragt er.

„Doch, natürlich. Ich weiß nur nicht, was Sie mir damit sagen wollen. Daß Gott mich abweist, weil ich dem Teufel angehöre? Oder daß ich zum Lügenspiel nicht zugelassen bin, weil ich eine bessere Wahrheit erkannt habe?“

Er zuckt die Schultern. „Das würdest du heute sowieso nicht begreifen.“

     Ich laufe weiter. Ein paar Schritte entfernt sitzen meine Kommilitonen, süffeln Bier und lachen ihr sparsames Seminaristenlachen. Ich setze mich an meinen Platz, und sobald einer der künftigen Diener Christi mich was fragt, reagiere ich seltsam arrogant.

 

Im Gegensatz zu meinen Mitstudenten fahre ich jedes Wochenende nach Hause. Ich habe dort einfach noch zu viele Koffer stehen. 

Dann sehe ich eines Abends – als ich wieder einmal auf „Heimaturlaub“ bin – einen jungen Typen, der vor einer Diskothek mit den Füßen auf ein Auto eintritt. Verdammter Idiot, denke ich, habe aber keine Lust, mich mit ihm anzulegen. Doch er hat mich schon gesehen.

„Das ist mein Auto!“ brüllt er, und ich rieche seinen Schnapsatem. „Mit dem kann ich verdammt noch mal tun, was ich will!“

Ich zucke die Schultern. „Hab ich's dir verboten?“

„Du kannst mir gar nichts verbieten.“

Er wirft sich mit voller Kraft gegen meinen Brustkorb, und gemeinsam stolpern wir in eine Hecke mit stachelbewehrten Blättern.

„Ich bin Jimmy Svenske“, sagt er. „Und du?“

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