Leseprobe aus "Grundlagen der esoterischen Astrologie"

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GRUNDLAGEN DER ESOTERISCHEN ASTROLOGIE

In diesem Kapitel möchte ich meine Sichtweise der esoterischen Astrologie beschreiben, die zum Teil an die Readings von Edgar Cayce[1] angelehnt ist und psychologische Denkmodelle integriert. Im nächsten Kapitel werden diese Ansichten und Schlußfolgerungen zusammengefaßt.

Die wichtigste Grundlage der esoterischen, nicht theosophisch orientierten Astrologie ist sicherlich die Freiheit des Willens, welche auch über dem Horoskop steht. Das hört sich zunächst einmal seltsam an, denn die meisten Menschen sind es gewohnt, Horoskope innerlich mit einem unabwendbaren „Schicksal“ zu verknüpfen. Mit anderen Worten spiegeln die Planeten, die Häuserverteilung und die verschiedenen Konstellationen zwar bestimmte Eigenschaften und potentielle Erfahrungen in der Zukunft bzw. Erfahrungen der karmischen Vergangenheit wieder, aber letztendlich könnte sich theoretisch jeder Mensch jederzeit über sein Horoskop erheben und sofort „erleuchtet“ sein, weil er einen freien Willen hat. Der Widerspruch löst sich jedoch auf, wenn wir uns klar machen, daß in diesem Fall nicht der persönliche Wille, also der Ego-Wille, sondern der Wille des höheren Selbst gemeint ist. Die beiden Begriffe „höherer Wille“ und „persönlicher Wille“ werden im folgenden noch erläutert werden. Wenn wir uns nun an Platons Theorie der Urbilder erinnern, die „realer“ als die Objekte der „tatsächlichen“ Welt sind, so können wir daraus schließen, daß alle Hindernisse, die eine sofortige Erleuchtung verhindern, letztendlich nur Illusion sind, denn es existiert nichts außer Gott, oder anders ausgedrückt: außer der Seele. Ein Mensch beispielsweise, der Probleme mit Selbstliebe hat, könnte theoretisch sofort damit beginnen, sich selbst zu lieben, denn alles, was ihn daran zu hindern scheint, hat illusionären Charakter, existiert nur in seinem Kopf in Form von Gedanken-, Handlungs- und Gefühlsmustern. Der illusionäre Charakter der Materie ist nicht unmittelbar einleuchtend, da sich Gedanken, Gefühle und Glaubenssätze in der Materie manifestieren können, denn der Mensch ist ständig bewußt oder unbewußt schöpferisch tätig. Genau diese Muster können wir im Horoskop erkennen, uns bewußt machen und dadurch auflösen. Vom Begriff der Illusion ausgehend, können wir das Leben als Schauspiel betrachten. Die Häuser des Horoskops bilden dann die Bühnen der unterschiedlichen Lebensbereiche, während jeder Planet, als Teilaspekt unseres Selbst ein Schauspieler ist. Jeder planetarische Schauspieler wechselt entsprechend des Zeichens, in dem er sich befindet, sein Kostüm. Ein „Mars in den Fischen im 2. Haus“-Schauspieler trägt also ein Fische-Kostüm auf der Bühne der Werte. Bildet er zusätzlich Winkelbeziehungen (Aspekte) zu anderen Planeten, tritt er mit diesen in dessen jeweiligem Kostüm und Bühnenausstattung in Interaktion.

Unter Karma können wir die endlose Wiederholung derselben Muster bei gleichzeitiger Weigerung, diese Muster zu ändern verstehen, denn der Mensch suggeriert sich selbst durch ebendiese Wiederholung ein illusionäres Gefühl von Sicherheit und Kontrolle, ohne zu ahnen, daß er in Wirklichkeit ein Sklave seiner Muster ist. So bedeutet jede Weigerung sich zu wandeln den wahren Tod, denn Tod ist nichts anderes als Stillstand; und ein Mensch, der in seinen Mustern verharrt, gleicht einem lebenden Toten. Karma „aufzubauen“ wäre demnach gleichbedeutend mit dem Festhalten alter Muster. Je stärker ein Mensch in seinen Mustern verhaftet ist, um so identischer und berechenbarer reagiert er in ähnlichen Situationen. Somit treffen die Vorhersagen der exoterischen Astrologie auch um so eher zu, je stärker ein Mensch in seinen Mustern verhaftet ist. Eine ständige Wiederholung derselben Muster finden wir nicht nur bei sehr unbewußt lebenden Menschen, sondern auch bei Menschen, die bevorzugt in ihrer eigenen Vergangenheit, entweder in der jetzigen oder einer vorgeburtlichen, leben und denken, und damit immer wieder identische Situationen anziehen, um sich zu bestätigen. Dadurch werden die neuen, sich andauernd öffnenden Türen mit potentiell neuen Entwicklungsmöglichkeiten gar nicht wahrgenommen, werden im Gegenteil sogar immer wieder eigenhändig zugeschlagen. Ironischerweise ziehen fest verankerte Denkmuster, wie z.B. „Ich bin wertlos“, genau Situationen solcherart an, die ebendiese Denkmuster bestätigen, denn jedem geschieht nach seinem Glauben, während Situationen, die zu einer Änderung des Denkmusters führen könnten, oft noch nicht einmal bemerkt oder sogar abgewehrt werden.

Die karmische Astrologie sollte nicht dazu mißbraucht werden, eigene Schwächen und Probleme zu entschuldigen, denn die inneren Muster werden in jedem Augenblick neu manifestiert und bestätigt, und können jederzeit geändert werden, auch wenn es subjektiv viel schwerer erscheint, ein lange bestehendes Muster abzulegen. An dieser Stelle ist es Zeit, darauf aufmerksam zu machen, daß eine karmische „Schuld“ nicht existieren kann, außer in der Illusion, im subjektiven Erleben, weil ansonsten jede Seele inzwischen so viel „Schuld“ auf sich geladen hätte und täglich neue erzeugen würde, daß diese bis in alle Ewigkeit „abgetragen“ werden müßte. Falls es so etwas wie karmische Schuld geben würde, wer sollte dann beurteilen, wie hoch das Ausmaß der „Schuld“ und der damit verbundenen „Buße“ im einzelnen wäre, und wer sollte beurteilen, was „gut“ und was „böse“ ist? Durch meine Arbeit mit karmischer Astrologie und Reinkarnation konnte ich feststellen, daß ein massives persönliches Schuldgefühl, sowie ein damit verbundener Bußwille in den allermeisten Fällen einem (früheren) Leben im „finsteren“ Mittelalter entstammt. Dies sollte uns zu denken geben.

Wenn die Seele zwischen den Leben beschließt, im nächsten Leben bestimmte Erfahrungen zu machen, um sich entsprechend weiterzuentwickeln, in dem sie bestimmte Muster integriert, wird sie entsprechend ihrer bereits gemachten und der noch zu machenden Erfahrungen genau dort zu einem bestimmten Zeitpunkt inkarnieren, wo sie diese Erfahrungen am besten machen kann. In Familienhoroskopen, also in Grundhoroskopen mehrerer Familienmitglieder, ist dies besonders eindrucksvoll zu beobachten, denn bestimmte Konstellationen, und damit innere Muster werden in Familien über Generationen hinweg „weiter-vererbt“. Das Horoskop einer inkarnierten Seele spiegelt dann die karmische Vergangenheit und eine Art Lebensplan für dieses Leben wieder. Die Seele wird offenbar von einem Körper angezogen, wenn dieser die entsprechenden Voraussetzungen erfüllt. Umgekehrt werden die Eltern mit Hilfe des Kindes ebenfalls ihre Erfahrungen machen, denn wenn wir Sheldrakes morphogenetische Felder miteinbeziehen, genügt es häufig, daß ein Mitglied einer Gruppe ein anderes Verhalten an den Tag legt, um das Feld für andere Mitglieder der Gruppe dahingehend aufzubauen. Ändert nun ein Familienmitglied ein bestimmtes Verhaltensmuster, bereitet es das Feld für andere Mitglieder seiner Familie vor, denen es nun ihrerseits etwas leichter fällt, ihr Muster zu ändern. Wandelt daraufhin eine ganze Familiengruppe ein Muster, so gibt sie anderen Familiengruppen eine höhere Wahrscheinlichkeit, das Muster ebenfalls zu ändern, weil ein entsprechendes Feld nun existiert. Je mehr Gruppen und Einzelindividuen nun dieses Muster ändern, um so leichter und schneller werden andere Gruppen und Menschen dieses Muster ändern können, da sich diese Entwicklung exponentiell fortsetzt.

Es ist sehr wichtig, in Zusammenhang mit dem Horoskop von potentiellen Erfahrungen zu sprechen, denn das Horoskop spiegelt eine Art Lebensplan wieder, eine Vision der Entwicklungsmöglichkeiten. In diesem Zusammenhang entspricht das Horoskop dem Planeten Uranus oder dem Wassermann-Prinzip. Nach Ansicht von Edgar Cayce und Dane Rudhyar kann der Astrologe in vollem Umfang nur das Horoskop eines Menschen interpretieren, der sich auf derselben oder einer niedrigeren Entwicklungsebene befindet, als er selbst. Bei der Betrachtung eines Grundhoroskops oder Radix sehen wir bekanntlich eine kreisförmige Darstellung des Planetenstandes an einem bestimmten Ort, dem Geburtsort, zu einer bestimmten Zeit, der Geburtszeit. Dieses Grundhoroskop können wir als Grundlage des Lebensplanes auffassen. Es ist keine statische Angelegenheit, sondern bewegt und entwickelt sich im Laufe der Zeit. Die inneren Muster im Radix sind zwar konstant, können jedoch geändert werden, denn es (er)öffnen sich ständig neue Möglichkeitsfenster, symbolisiert durch transitierende oder progressive Planeten. Die über das Grundhoroskop laufenden Planeten oder Transite zeigen diese Möglichkeiten an. Um diese erkennen zu können, muß jedoch das Grundhoroskop zuerst verstanden werden. Ich halte es daher keineswegs für sinnvoll, Transit- oder Progressionshoroskope zu erstellen, ohne ein Radixhoroskop als Basis miteinzubeziehen. Durch die unterschiedlichen Rotationsperioden um die Sonne bedingt, benötigen die laufenden Planeten unterschiedlich lange, um wieder an ihren Ausgangspunkt im Radix zurückzukehren. Würde die Bewegung der Planeten unter Berücksichtigung der Zeit aufgezeichnet, entständen nicht Kreise, sondern Spiralen. Die schnellen, persönlichen Planeten bilden dabei kleine, vielfach gewundene Spiralen, während die langsameren Planeten große Spiralen bilden. Eine Spirale entsteht, wenn zyklische Vorgänge in der Zeit aufgezeichnet werden. Dies könnte darauf hinweisen, daß die schnellen personalen Planeten kleine Schritte innerhalb der persönlichen Entwicklung anzeigen, während die transpersonalen und mittleren Planeten große Entwicklungsschritte symbolisieren. Der Mond beispielsweise benötigt ungefähr 29 Tage für einen Umlauf durch das Horoskop, während Saturn 29 Jahre braucht. Dies würde bedeuten, daß sich die Mondeigenschaften eines Menschen potentiell einmal pro Monat ein kleines bißchen weiterentwickeln, während sich bei Saturn neunundzwanzigjährige Zyklen ergeben. Nebenbei bemerkt entspricht der 29 Tage-Zyklus des Mondes dem Zyklus der Frau. Vielleicht verfügt der Mann, der natürlich auch einen Mond im Horoskop aufweist, ebenfalls über einen Zyklus, nur daß dieser innerlich abläuft und so von den meisten Männern nicht wahrgenommen wird.

Nun taucht bei den letzten Planeten unseres Sonnensystems folgendes Problem auf: Pluto benötigt für einen Umlauf 248 Jahre, Neptun 165 Jahre und Uranus 84 Jahre. Damit wäre ein vollständiger Umlauf um die Sonne in einem einzigen Leben, zumindest bei Neptun und Pluto, recht unwahrscheinlich. Wird jedoch die These miteinbezogen, daß ein Mensch nicht eines, sondern viele Leben lebt, wäre es denkbar, daß die Spiralbildung erst im Laufe mehrerer Leben erkennbar wäre. Ein anderes Erklärungsmodell könnte darin bestehen, daß sich bei den äußeren, transpersonalen Planeten eine Spiralbewegung durch Transzendenz, insbesondere bei bestimmten Winkelbeziehungen der Planeten, wie Quadrate und Oppositionen eines transitierenden Planeten zu seinem Radix-Pendant ergeben könnte, da Transzendenz unabhängig von Raum und Zeit ist.

Zwischen zwei Leben befindet sich die Seele offenbar nicht immer im Nirwana, wenn wir Edgar Cayce Glauben schenken, sondern auch auf anderen „Schul“-Planeten, meist in unserem Sonnensystem. Dabei nimmt die Seele die Struktur oder das Energiemuster des jeweiligen Planeten an, vielleicht um mit der „Färbung“ dieses Planeten besser umgehen zu lernen. Da wir auf der Erde in der dritten Dimension leben, nehmen wir die Wesen, die auf anderen Planeten in anderen Dimensionen existieren nicht wahr. Heute wird die vierte Dimension allgemein als „Raum-Zeit“ bezeichnet. Aber Zeit ist relativ, wie wir alle wissen, ein gedankliches Konstrukt, abhängig von der Geschwindigkeit und für uns nicht vom Raum zu trennen. Zeit ist Illusion, jedoch eine notwendige Illusion, denn Wandlung und Entwicklung wird nur innerhalb linearer Zeit wahrgenommen. Wenn alle unsere Leben für uns parallel in einem Augenblick ablaufen würden, würden wir nichts mehr erkennen können. Nur indem wir die Leben durch die Zeit trennen und Zeit als linear innerhalb desselben Lebens erleben, nehmen wir Entwicklung wahr. Wie können wir uns nun die vierte Dimension vorstellen? Nach Einstein würde ein Mensch, der sich mit Lichtgeschwindigkeit fortbewegt, in der vierten Dimension sein. Die Objekte der vierten Dimension weisen starke Krümmungen mit kugeligem oder halbkugeligen Formen auf. Wenn der Raum nun immer weiter gekrümmt wird, entsteht eine Kugel. Eine Kugel hat weder Anfang noch Ende, Raum und Form sind aufgehoben, jedenfalls in der für uns vorstellbaren Form. Gleichzeitig ist die Zeit, wie wir sie kennen, nicht mehr existent. Wenn wir uns diesen Zustand schon schwer vorstellen können, wird die Vorstellung mit weiteren Dimensionen nahezu unmöglich. Oder kannst Du Dir ein Leben in der achten Dimension des Neptun vorstellen? Vielleicht reicht auch gedankliche Vorstellungskraft alleine nicht aus, vielleicht soll analytisches Denken mit dem Emotionalen und der Spiritualität zu einem höheren Bewußtseinszustand verbunden werden? Vielleicht ist die Überbetonung von Wissenschaft und Verstand deshalb eine Sackgasse? Spätestens seit Einstein und Heisenberg weiß die Wissenschaft eigentlich, daß ihre so gepriesene Rationalität und Objektivität gar nicht so objektiv ist, denn jeder Beobachter beeinflußt das Objekt seiner Beobachtung, das Objekt ist demnach nicht abtrennbar von seiner Umwelt.

Wie dem auch sei, laut Edgar Cayces Visionen nimmt die Zahl der Dimensionen mit den transpersonalen Planeten stark zu, denn jeder Planet unseres Sonnensystems soll eine bestimmte Stufe des Bewußtseins darstellen. Die inneren fünf Planeten, die ich als persönliche, personale Planeten im engeren Sinne definieren möchte, also Sonne, Mond, Merkur, Venus und Mars, stellen relativ niedrige Stufen der Entwicklung dar, denn sie beziehen sich auf die Entwicklung des Persönlichen, von Jung als Individuationsprozeß bezeichnet. Dennoch sind sie absolut notwendig für eine weitere Entwicklung, ohne die die höheren Stufen nicht oder nur unvollständig erreicht werden können. Dies möchte ich nachfolgend erläutern.

Merkur symbolisiert intellektuelle und kommunikative Fähigkeiten. Der transpersonale Planet Uranus hingegen stellt höhere intellektuelle Fähigkeiten dar, denn er geht über den Intellekt hinaus, ist nicht an die Zeit, die letztendlich eigentlich nicht existiert, gebunden, bricht somit den uns bekannten Raum, die Struktur auf, denn die Zeit ist in der Raum-Zeit an den Raum gekoppelt. Infolgedessen kann sich uranisches Denken ohne Zeitverzögerung unmittelbar manifestieren. Uranus gilt also als höhere Oktave, als höhere Schwingung oder als höherer Zustand des Merkur. Wenn Merkur Denken, Wissen und Reden ist, dann ist Uranus höheres Denken, höheres Wissen und höheres Reden. Wenn jeder Manifestation in der Materie eine Idee oder ein Bild vorausgeht, was können wir dann mit Uranus erschaffen? Merkur gilt als Bote der Sonne, Uranus ist nicht nur ein Bote des höheren oder transpersonalen Selbst, er ist auch ein Schöpfer im Transpersonalen.

Venus ist ein Ausdruck unserer Fähigkeit, persönliche Bindungen einzugehen, Liebe für einen anderen Menschen empfinden zu können. Die höhere Oktave der Venus ist der transpersonale Neptun, der die höhere Liebe, die nicht mehr an Personen gebunden ist, die spirituelle Liebe, die Liebe zu allem was existiert und nicht existiert repräsentiert. Die spirituelle Liebe, die Verbundenheit mit allem voraussetzt, ist ebenfalls nicht mehr an Raum und Zeit gebunden, sie ist transzendent.

Durch Mars offenbart sich die Fähigkeit, sich im Leben fortzubewegen, zu handeln, sich durchzusetzen, etwas für sich, für sein Ego zu erreichen. Die motorische Funktion des Mars zeigt sich durch Pluto auf einer höheren Ebene, so daß wir Pluto als Motor unserer spirituellen Entwicklung betrachten können. Es wäre sogar denkbar, daß sich das Paar Sonne-Mars (denn Mars ist der „rechte“ Arm der Sonne, d.h. die Sonne könnte sich ohne Mars nicht durchsetzen, nicht „strahlen“) im Doppelplanetensystem Pluto-Charon wiederspiegelt, dann würde Charon dem „höheren“ Mars und Pluto der „höheren“ Sonne entsprechen. Strahlt eine helle Sonne zum Zeichen unserer persönlichen, individuellen Entwicklung, während eine dunkle, plutonische Sonne unsere höhere Entwicklung symbolisiert? Wird Pluto deshalb immer wichtiger für uns, je weiter wir uns entwickeln, wie Edgar Cayce behauptet; und erkennen wir erst jetzt ansatzweise seine Bedeutung? Erscheint uns Pluto dunkel und schwarz, weil er für uns noch im Schatten liegt?

Interessanterweise befindet sich die helle Sonne im Zentrum unseres Sonnensystems, sie könnte somit den Anfang unserer spirituellen Entwicklung darstellen. Pluto kreist am äußeren Rand unseres Sonnensystems, dahinter kommt nur noch der Edgeworth-Kuiper-Gürtel[2], so daß Pluto die nächsthöhere spirituelle Entwicklungsstufe, jedenfalls in unserem Sonnensystem darstellen könnte. Wenn „oben wie unten“ ist, sollten wir uns den Himmel ansehen. Dort finden wir alle Antworten, wir müssen nur lernen, wahrhaft zu sehen.

Über die mittleren Planeten, Jupiter und Saturn, habe ich bis jetzt noch nicht gesprochen. Wenn der Himmel ein Indikator des Selbst ist, dann sollten die mittleren Planeten auch mittlere Entwicklungszustände bezeichnen. Jupiter und Saturn besitzen demnach sowohl personale, als auch transpersonale Inhalte. Jupiter, der sechste Planet unseres Systems, wächst mit unserem Bewußtseinszustand, er demonstriert unsere Fähigkeit, eine übergeordnete Position, eine erweiterte Sicht einzunehmen und das spirituelle Potential von etwas zu erkennen. Diese erweiterte Sicht entwickelt sich in konzentrischen Kreisen, wie der amerikanische Astrologe Jeff Green[3] meint. Das bedeutet, daß wir durch die Jupiterenergie in uns das Bedürfnis haben, ein universaleres Bewußtsein, ein holistisches Denken zu entwickeln. Je höher der Entwicklungsstand des Menschen ist, um so erweiterter, um so universaler, um so höher wird diese Sichtweise. Jupiter stellt auf einer niedrigeren Stufe die weltlichen Gesetze und ein humanitäres Bewußtsein dar, auf einer höheren Stufe ein universales, kosmisches Bewußtsein und damit auch die kosmischen Gesetze. Das kosmische Bewußtsein erweitert sich nun immer weiter, das Ende ist offen.

Saturn wird in der traditionellen Astrologie als Bewahrer der Struktur, als begrenzendes und hemmendes Prinzip betrachtet. Bereits Edgar Cayce, später auch Dane Rudhyar[4] und nicht zuletzt Liz Greene erkannten, daß Saturn viel umfassender gedeutet werden sollte. Saturn repräsentiert die Kristallisation der Energie in Form von Materie an sich und damit die dichteste, am langsamsten schwingende Energie. Somit symbolisiert er nicht nur die Inkarnation, sondern auch die Verhaftung in der Materie mit all ihren Schatten, aber genau dadurch verdeutlicht er uns unseren Schatten, unsere Blockaden und unsere Unvollkommenheiten, damit wir sie bemerken, um auf diese Art, oftmals durch Schmerz und Leid, willens zu werden, sie zu ändern oder aufzulösen. „So führt“, wie Liz Greene sagt, „Saturn den Menschen zum Ort seiner Verbrennung, er ist der Fährmann Charon, der die Seele in die Unterwelt, in Plutos Reich übersetzt.“[5] Charon läßt sich die Überfahrt bezahlen, je heftiger wir uns wehren, je massiver die Blockaden sind, um so höher ist der Preis, den der „Hüter der Schwelle“ – symbolisch – von uns verlangt.

An dieser Stelle erscheint es mir sinnvoll, die Begriffe Schatten, höheres Selbst, Unterbewußtsein und Ego näher zu erläutern.

Der Schatten stellt nicht, wie so häufig angenommen, irgendwelche negativen Charakterzüge dar, sondern all das, was eigentlich zu uns, zu unserer Persönlichkeit gehört, was wir aber nicht als zu uns selbst gehörig und daher als „fremd“ empfinden und ablehnen. Der Schatten ist also im Gegensatz zu den weniger attraktiven Charakterzügen, die jeder Mensch besitzt, völlig unbewußt. Demnach kann im Grunde genommen alles zum Schatten werden, positive und negative Anteile des Selbst, Gedanken oder auch Gefühle. In der polaren Welt ist nichts ohne Schatten, denn alles, was existiert, erschafft gleichzeitig sein polares Gegenstück, eben weil es im polaren Universum existiert. Somit könnte der Schatten auch als Antithese des bewußten Selbst bezeichnet werden. Ich möchte hier noch einmal darauf aufmerksam machen, daß Antithese und Schatten nicht als etwas Negatives betrachtet werden dürfen. Ein einfaches, konstruiertes Beispiel soll dies verdeutlichen. Was ist der Schatten des Teufels (wenn wir einmal annähmen, er existiere als Person und wäre eine monopolare Instanz)? Die Antwort müßte „Gott“ lauten (unter der Voraussetzung, daß Gott hier „das Gute“ symbolisiert und nicht als Absolutum betrachtet wird).

Am deutlichsten tritt der Schatten in der Abwehrreaktion eines Menschen hervor. Für alle Außenstehenden deutlich sichtbar, reagiert ein Mensch in dieser unangemessen heftig oder abwehrend, wie die Karrierefrau, die alles Mütterliche verachtet oder der Macho, der seine gefühlsbetonten Geschlechtsgenossen als „Weicheier“ abstempelt. Der Schatten ist also nicht per se negativ, er wird dazu erst gemacht, denn der Macho verfügt innerlich über ebensolche gefühlvollen Komponenten wie sein Gegenspieler, ebenso wie der gefühlsbetonte Mann aggressive, sich durchsetzende Anteile besitzt. Beide ahnen nur jeweils nicht, daß sie zwei Seiten des gleichen Dinges sind. These und Antithese sind jederzeit gegeneinander austauschbar, keines ist besser als das andere und beide haben ihre Berechtigung. Wenn ich bei einer Münze „Zahl“ werfe, dann liegt „Kopf“ im Schatten und umgekehrt, „Zahl“ ist nicht besser als „Kopf“ und beides sind notwendige Teile einer Münze, denn die Münze wäre sonst nicht existent. Die jeweiligen Schattenanteile passen nur oftmals nicht in das entsprechende Selbstbild eines Menschen, da dieses in vielen Fällen offenbar zu begrenzt ist. Den Schatten zuzulassen würde den Tod des bisherigen Selbstbildes, sowie Wandlung und Aufbruch ins Unbekannte bedeuten. Hierdurch werden unangemessen heftige, abwehrende und aggressive Reaktionen bei Kontakt mit dem eigenen Schatten verständlich. Der Schatten ist der Feind des heldenhaften und konstanten, aber unvollständigen Selbstbildes. Wer ihn jedoch „abzuschaffen“ oder zu leugnen versucht, ist nach Ansicht von C.G. Jung fortan nur noch „zweidimensional“, denn er verliert entweder den Kontakt zum eigenen Körper, der wiederum den Schatten in Form von Blockaden oder Krankheiten lebt, oder der Schatten meldet sich durch Affekte oder Einbrüche des Unbewußten ins Selbst. In der Außenwelt begegnen wir unserem Schatten in Form anderer Menschen, die so zu unserem Spiegel werden. Dies wird besonders deutlich, wenn ständig Menschen mit ähnlichen Eigenschaften angezogen werden. Liegt die eigene Aggressivität im Schatten, begegnen einem vielleicht andauernd „sehr aggressive“ Mitmenschen. Weil der Schatten etwas mit unserem Selbstbild zu tun hat, hat er in vielen Fällen gleichgeschlechtliche Gestalt (der männliche Christengott besitzt so auch einen männlichen Schatten, den Satan). Auf diese Weise gelangen die unbewußten männlichen Eigenschaften der Frau, die Jung als Animus bezeichnet, oder die unbewußten weiblichen Eigenschaften des Mannes, die Anima, oft ins Schattenreich. Animus und Anima sind also Bestandteile des Schattens, aber nicht seine einzigen Bestandteile. Der Schatten kann prinzipiell jede Gestalt annehmen und sich auch im Körper als Blockade manifestieren. Neben dem persönlichen Schatten gibt es nach Jung in jedem Menschen auch Schattenanteile kollektiver Art, wie wir es z.B. am Fremdenhaß sehen können. Der kollektive Schatten konnte offenbar auch solche Gestalten wie Hitler, Mussolini und Stalin hervorbringen. In Mythen und Märchen, aber auch in modernen Filmen wie Star Wars oder Herr der Ringe, werden Schattengestalten sehr klar und unmittelbar erkennbar dargestellt. Auf der einen Seite gibt es einen Helden oder eine Heldin, der oder die mit einem dunklen, bösen, betont häßlichen, entstellten, oft unmenschlichen oder teuflisch schönen Gegenspieler kämpfen muß. Der Held kämpft eigentlich gegen sich selbst, gegen sein Ego und verteidigt sein Selbstbild; ein archetypischer Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen, wobei „gut“ und „böse“ im jeweiligen Auge des Betrachters liegen. Erst wenn der Schatten - ob nun hell oder dunkel - integriert ist, ist der Kampf gewonnen. Der Preis, den man dabei gewinnen kann, ist ein tieferes und umfassenderes Selbstbild. Den Schatten zu integrieren bedeutet also, ein Stück der Trennung zwischen den Menschen abzubauen; den Schatten zu ignorieren oder weiter auszubauen bedeutet die Trennung zwischen den Menschen und damit die Trennung zu Gott weiter zu verschärfen bzw. in illusionärer Weise aufrechtzuerhalten, denn Gott ist seiner Natur nach allumfassend. Der Schatten hat weiterhin die unangenehme Eigenschaft, immer größer und dunkler zu werden, je länger er unterdrückt wird. Je stärker ich mich mit der „guten“ Seite identifiziere, um so mächtiger wird meine „böse“ Seite, wie uns schon die negativen Manifestationen des Christentums gezeigt haben. Da prinzipiell alles zum Schatten werden kann, birgt im Horoskop jedes Zeichen, jeder Planet, jede Konstellation zugleich ihren Schatten in sich und sollte daher stets mitberücksichtigt werden. Am einfachsten läßt sich der Schatten im Horoskop anhand von gegenüberliegenden, polaren Zeichen erkennen, so ist z.B. der Löwe der Schatten des Wassermanns, und umgekehrt. In der Projektion werden eigene Schattenanteile auf einen anderen Menschen, auf Tiere oder Objekte übertragen. Der Projizierende nimmt subjektiv an, daß das, was er sieht, objektiv richtig ist, in Wirklichkeit handelt es sich aber nur um die Illusion der Objektivität; er sieht, was er sehen möchte. Selbst „Liebe“ kann eine Illusion sein. Nehmen wir an, es träfen sich zwei Menschen, die beide jeder für sich recht dicke „Mauern“ um ihr Gefühl gebaut haben, was ihnen aber nicht bewußt ist. Vielleicht sehen sie sich selbst als gefühlvoll, vielleicht sogar als gefühlsbetonter als viele Mitmenschen an. Beide projizieren nun jeweils gegenseitig Liebe zueinander, statten den anderen mit den schönsten Eigenschaften aus und fallen irgendwann auf den Boden der Tatsachen zurück, da keiner der beiden sich jemals wirklich emotional geöffnet und für den anderen interessiert hat. Das Gegenüber diente also für beide nur als Projektionsfläche und zur Befriedigung eigener Bedürfnisse, etwa als Mittel gegen Einsamkeit. In eingeschlechtlichen Familiensituationen, also z.B. in reinen Frauenfamilien, kann es zu starken Projektionen kommen und häufig übernimmt eine, manchmal auch mehrere der Frauen eine verstärkt männliche Rolle, sie lebt ihren Animus anstelle ihrer inneren Frau. Jung hat dies übrigens mit dem treffenden Ausdruck der „Animus-Brutstätte“ bezeichnet. Ich bin jedoch sicher, daß es ebenso viele „Anima-Brutstätten“ gibt.

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[1] Frejer, B. Ernest, The Edgar Cayce Companion: A Comprehensive Treatise of the Edgar Cayce Readings, A.R.E. Press 1995
vgl. hierzu: Frejer, B. Ernest, Astrologie nach den E.Cayce-Readings aus dem „Companion“, Kapitel „Astrologie“, Arcturus Verlag, Schäffern/Österreich

[2] Der Edgeworth-Kuiper-Gürtel, benannt nach Kenneth E. Edgeworth und Gerard P. Kuiper, ist ein Asteroidengürtel mit 10.000–100.000 Objekten, welcher sich in einer transneptunischen Umlaufbahn befindet.

[3] Green, Jeff, Pluto. Die evolutionäre Reise der Seele, Hugendubel, München 1988

[4] Rudhyar, Dane, Die Astrologie der Persönlichkeit, Chiron, Tübingen 2001. Das Buch wurde in seiner Urform schon in den 30er Jahren des letzten Jhdts. geschrieben, aber erst 1985 erstmals in Amerika veröffentlicht.

[5] Greene, Liz, Saturn, Hugendubel, München 1996

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