Leseprobe aus "Dissident. Freiheit beginnt im Kopf"

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Leseprobe DISSIDENT

Wir sind umgeben von Lügen. Mehr noch, das ganze System basiert auf Lügen, ja ist eine einzige große Lüge. Es ist vergleichbar mit der Matrix aus dem gleichnamigen Film, nur daß wir nicht wirklich mit einem Stecker daran angeschlossen sind. Unser Stecker befindet sich lediglich in unserem Geist; es ist der Glaube an die unzähligen Lügen und die Unwahrheiten, die uns so lange daran angekoppelt lassen, bis wir unseren Geist von seiner künstlich erschaffenen Abhängigkeit befreit haben und uns von der Matrix lösen können.

Das System hat nur ein einziges Ziel: sich selbst zu erhalten und auszuweiten. Das Wohl der Bürger ist für das System völlig uninteressant, wie wir noch sehen werden. Aus diesem Grunde will man uns glauben machen, daß das „Wir“ entscheidend und wichtig für das Wohl der Gesellschaft sei; daß das „Wir“, das Gemeinwohl, über dem Wohl des Einzelnen stehen würde und sich der Einzelne unterordnen und zugunsten des Gemeinwohls Opfer bringen sollte; doch das ist nur eine manipulative Suggestion. Um echte Freiheit für alle zu erreichen, muß sich im Gegenteil das „Wir“ dem „Ich“ unterordnen, muß das Wohl des Individuums über die Agenda des Kollektivs gestellt werden. Erst wenn dies erreicht oder zumindest angestrebt wird, kann der Staat wieder – oder zum ersten Mal – seine eigentliche Aufgabe erfüllen: die Würde, den Schutz und die Freiheit aller Bürger, aller Individuen, zu gewährleisten. Solange die fiktiven Wünsche des „Gemeinwohls“ (welches ja keine reale Entität ist, sondern nur ein abstrakter Begriff) über dem Wohl des Einzelnen stehen, wird es weder wahre Freiheit, noch echte Gerechtigkeit geben. Im Gegenteil werden die Interessen des „Gemeinwohls“ (also eigentlich die Interessen derjenigen, die sich ausgedacht haben, was „Gemeinwohl“ in ihrer Phantasie bedeutet) dazu führen, daß nicht nur die Freiheit einiger weniger darunter leiden wird, sondern die Freiheit aller, die sich zugunsten von abstrakten Idealen einer staatlichen Autorität unterordnen müssen. Und am Ende gibt es de facto keine wirklich freien Menschen mehr, weil immer nur dem abstrakten Ideal genüge getan wird, aber den echten Menschen keine Beachtung geschenkt wird.

Das, was sie euch im Fernsehen zeigen, der kleine Ausschnitt der Welt, den sie euch als die Realität suggerieren, ist lediglich ein verzerrter Blick in die Matrix, ein künstlich erschaffenes Bild, das euch vorgaukeln soll, daß die Welt genau so ist. Doch das ist nur eine große Lüge. Sie spielen mit eurer Angst und der Empfänglichkeit eures nach außen gerichteten Bewußtseins. Das ist auch der Grund, warum sie euch täglich mit neuen Schreckensmeldungen und Greueln füttern, warum sie aus all den Milliarden Dingen, die täglich passieren, die furchtbarsten und abscheulichsten heraussuchen und euch auf dem Silbertablett servieren: Weil sie wollen, daß ihr Angst habt; denn ängstliche Menschen sind viel leichter zu beeinflussen, zu beeindrucken, zu manipulieren und zu führen.

Auf der anderen Seite wollen die Menschen, so merkwürdig sich das anhört, auf einer bestimmten Ebene genau die furchtbaren Dinge sehen und hören, die sie in ihrem eigenen Leben niemals erleben wollen würden, aber weil „das Böse“ immer weit weg ist, immer den anderen passiert, hat es für sie einen Unterhaltungswert bekommen, der ihnen die tägliche Dosis Spannung und Aufregung beschert, den sie in ihrem eigenen Leben schon lange nicht mehr (oder noch nie) erlebt haben.

Habt ihr schon einmal erlebt, wie die Augen von älteren Männern zu leuchten beginnen, wenn sie von ihren Erlebnissen während des Krieges erzählen? Das liegt daran, daß dies die Zeit in ihrem Leben war, in dem sie sich angesichts des sie umgebenden Todes am lebendigsten gefühlt haben.

Das größte Bedürfnis des menschlichen Lebens ist Stimulation. Das ermöglicht diesen Sporen im großen Teig zu erkennen, daß sie lebendig sind, daß sie tatsächlich funktionieren. Sie fühlen etwas. Diese Stimulation ist so etwas wie die Sporen für das Pferd oder ein milder Schock.

Anton LaVey

Die grundlegenden Kontrollmechanismen des Systems sind die Suggestion von „Demokratie“ und „Rechtsstaat“, um den Menschen die Illusion von Einflußnahme und Sicherheit vorzugaukeln; die Aufrechterhaltung der auf einem christlichen Weltbild basierende Dualität von „Gut“ und „Böse“ in allen Lebensbereichen, damit man jederzeit neue Feindbilder aus dem Hut zaubern und die Leute in Angst halten kann; und schließlich den Ausbau der „sozialen Marktwirtschaft“, um an den in ständiger Angst lebenden und zu Konsumlemmingen erzogenen Bürgern noch kräftig Profit zu machen. Und das alles wird uns als alternativlos und bestmögliche Welt verkauft.

Es spielt innerhalb des Systems keinerlei Rolle, welche Partei gerade gewählt wird, weil die Vorgaben der politischen Inhalte von denen vorgegeben werden, die im Besitz wirklicher Macht und Kontrolle sind, und bestimmte Themen und mögliche Alternativen von vornherein ausgeschlossen werden. Das ganze politische Spiel dient daher eigentlich nur als Ablenkung des Volkes, damit es in dem Glauben lebt, daß sich Dinge ändern könnten oder werden, wenn nur erst die richtigen Politiker gewählt werden.

Obwohl uns das pseudo-demokratische System weismachen möchte, wir könnten durch Wahlen etwas ändern, handelt es sich dennoch um bloße Ablenkung, da wir lediglich die Marionetten sehen, während die eigentlichen Draht- und Fädenzieher stets im Hintergrund bleiben. Wir haben also weder echte Alternativen, noch die Option, eine gültige Nein-Stimme abzugeben, um unsere Ablehnung des Systems auszudrücken und es eventuell sogar abzuwählen, da nur die Wahl einer angetretenen Partei als Stimme gezählt wird.

Wenn man innerhalb des Systems aufsteigen möchte, muß man zwangsläufig ein Teil davon werden, wie uns die Generation der 68er-Bewegung eindrücklich demonstriert hat, und die nach ihrem „Marsch durch die Institutionen“ (Dutschke) heute einen Großteil des korrupten Establishments bildet, das sie einst bekämpft hat.[1]

Das soll nicht heißen, daß sich politisches Engagement niemals lohnt, vor allem im lokalen Bereich. In kleinem Rahmen kann man durchaus Dinge verändern und bewegen, solange die selbsternannten Wächter des Systems dies nicht als Bedrohung erachten. Wenn dieser Fall eintritt, werden die involvierten Personen gezielt diffamiert und auf juristischer oder sozialer Ebene vernichtet. Und wird die Bedrohung vom System als zu groß erachtet, werden im Eilverfahren Gesetze verabschiedet, die unerwünschtes Handeln, ja zum Teil sogar unerwünschtes Denken unterbinden sollen. Alle Themen, die dem System als solchem und seinen Zielen entgegenstehen oder ihm schaden könnten, werden systematisch herausgefiltert, ignoriert oder wenn nötig diffamiert, zensiert oder verboten.

Akademiker, Studenten und andere systemkonforme intellektuelle Schlaubies sind abhängig von offiziell anerkannten Sichtweisen und Dogmen, die vom System vorgegeben werden. Und in akademischen und intellektuellen Diskussionen kann man immer wieder feststellen, daß der geistige Tellerrand der Beteiligten von der Lehrmeinung des System festgelegt wird. Und ein Konsens bezüglich der Lehrmeinung ist dem System und seinen Vertretern wichtiger als Fakten, vor allem wenn sie davon abweichen.

Sowohl das deutsche Bildungssystem, als auch der Arbeitsmarkt sind auf Durchschnittlichkeit, Angepaßtheit und Mittelmaß ausgerichtet. Wer unter dem Mittelmaß und dem Durchschnitt liegt, wird irgendwie mit durchgemogelt, und wer darüber liegt, wird systematisch ausgebremst und runtergezogen. Bildung, wie sie als Ideal verstanden wird, meint „die Anregung aller Kräfte des Menschen, damit diese sich über die Aneignung der Welt entfalten und zu einer sich selbst bestimmenden Individualität und Persönlichkeit führen“ (Wilhelm von Humboldt). Es gibt andere Definitionen, aber allen ist im Kern gemein, daß es bei der Bildung des Menschen um die Entwicklung einer kritisch hinterfragenden, selbständig denkenden, reifen und reflektierenden, individuellen Persönlichkeit geht. Bildung ist ferner ein Prozeß, der lebenslang andauert und selbstverständlich niemals abgeschlossen ist. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber meiner Erfahrung nach orientiert sich das Schul- und Ausbildungssystem in Deutschland nicht an diesen Vorgaben und Idealen. Im Gegenteil wird Bildung in der Regel einfach als der Erwerb von Allgemein- oder Fachwissen betrachtet, und von unbedeutenden Fortbildungen abgesehen gilt der Prozeß der Schulbildung mit dem Schulabschluß und der Prozeß der Ausbildung mit dem Erwerb des entsprechenden Scheins als abgeschlossen.

Die in Deutschland vermittelte „Bildung“ befähigt zwar einzelne Individuen dazu, innerhalb des Systems aufzusteigen und „Karriere“ zu machen, sprich: ihren Platz als Rädchen im System einzunehmen, aber weder die in der Schule vermittelte „Bildung“, noch darauf aufbauende Studiengänge erlauben dem Individuum, das System als solches, seine Hintergründe und seine wahre Agenda zu verstehen, denn solange man die beschränkte Sichtweise als Rädchen im System einnimmt, wird man niemals dazu imstande sein, das Gesamtbild zu erkennen; denn die vom System angebotene „Bildung“ ist natürlich nicht dazu gedacht, hinter das System zu blicken. Wie bei jedem System, ist auch dieses auf Beständigkeit ausgelegt, die nicht mehr gewährleistet wäre, wenn die Grundlagen des Systems von jedem hinterfragt und angezweifelt würden. Aus diesem Grund sorgt das System dafür, daß diejenigen, die nicht nach den „Regeln“ spielen, als Störenfriede, Spinner oder Verschwörungstheoretiker aussortiert werden.

Atheisten, Satanisten, Agnostiker und philosophische Freidenker legen in der Regel sehr viel Wert darauf zu betonen, daß sie sich vom Glauben an die christliche Religion und die damit verbundenen Dogmen gelöst haben und sich nicht mehr von subjektiven Aussagen und als „Wahrheiten“ präsentierten Lügen kontrollieren lassen. Gleichzeitig unterlassen sie es jedoch, das gleiche in anderen Bereichen des Lebens ebenso zu praktizieren. Die heutige Medizin und große Teile der Wissenschaft beispielsweise, sind, wie wir noch sehen werden, auf die gleiche Weise strukturiert und arbeiten mit den gleichen Methoden wie eine Religion, einschließlich zahlreicher Dogmen, die nicht hinterfragt werden dürfen, einer eingeweihten Kaste von Priestern in Weiß, und Ausübung von Macht und Kontrolle über die nicht-eingeweihte Masse.

Die Existenzberechtigung von quasi-religiösen Systemen basiert auf  deren Dogmen und Axiomen. Ebenso wie das Christentum und sein umfangreicher theologischer Überbau nur Sinn machen, wenn man die Existenz des christlichen Gottes als Basis nimmt, funktionieren das gegenwärtige medizinische und wissenschaftliche System auch nur auf überholten, unlogischen, widerlegbaren und falschen Axiomen. Ohne diese Annahmen fallen die jeweiligen Gebäude in sich zusammen. Doch dazu später mehr.

Wenn man in einer Gesprächs- oder Diskussionsrunde eines der Grundlagen des Systems, einen liebgewonnenen Konsens oder eine  heilige Lehrmeinung anzweifelt, folgt die Reaktion der Gläubigen sofort. Sachliche Argumentation? Kein Interesse. Wen interessieren schon Fakten und Hintergründe? Es ist, als habe man in der Kirche die Existenz Gottes angezweifelt, woraufhin man sofort als Sünder und Ketzer gebrandmarkt und fortan aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wird, weil man gegen die heilige Ignoranz verstoßen hat. Und so wie man früher mit dem Makel der Sünde behaftet war, wenn man die allgemeingültigen „Wahrheiten“ angezweifelt hat, so wird man heutzutage als Verschwörungstheoretiker gebrandmarkt und entweder lächerlich gemacht, diffamiert oder für verrückt erklärt.

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Das Leben eines Menschen ist ein perfekter Spiegel seines Geistes. Nur ein chaotischer Geist produziert chaotische Umstände und zieht diese wie ein Magnet ins eigene Leben; nur ein klarer, souveräner und bewußter Geist bringt Struktur und Erfolge hervor. Die Erkenntnis oder das Ignorieren dieser fundamentalen Gesetzmäßigkeit bestimmt den Unterschied zwischen denen, die ihr Leben aktiv und kreativ gestalten und denen, die sich als Opfer der Umstände sehen.

Der Mechanismus, der unsere persönliche Realität erschafft, läuft in der Abfolge Bewußtsein – Wahrnehmung – Realität ab. Das Problem ist nur, daß er bei den meisten Menschen in dem Stadium beginnt, welches sie für die Realität halten bzw. welches ihnen als die Realität verkauft wird. Sie sehen Tag für Tag im Fernsehen die Nachrichten und lassen sich davon überzeugen, daß die Welt so aussieht, wie es dort dargestellt wird. Diese Überzeugung richtet ihr Bewußtsein darauf aus, was wiederum die Wahrnehmung dergestalt verändert, daß sie das von außen eingegebene Bild der Welt bestätigt. Behaltet diesen Mechanismus stets im Hinterkopf, bei allen Aspekten und gesellschaftlichen Bereichen, die in diesem Buch angesprochen werden.

Wie durchbricht man nun diesen Kreislauf? Indem man sein Bewußtsein verändert. Und wie macht man das? Indem man zunächst versteht, daß der vorgenannte Kreislauf eigentlich im Bewußtsein beginnen sollte, anstatt sich dieses nur fremdgesteuert programmieren zu lassen; und dann seinen Geist und seine Aufmerksamkeit nicht nach außen richtet und sich von dort Bilder aufdrücken läßt, sondern nach innen, und damit von reaktiver zu kreativer geistiger Tätigkeit umschaltet. Soll heißen: Man richtet seinen Geist bewußt auf diejenigen Dinge im Leben aus, die als wünschens- und erstrebenswert erachtet werden, woraufhin die Wahrnehmung so verändert wird, daß die produzierte Realität sich dem im Bewußtsein erschaffenen Bild annähert. Wenn man das konsequent und kontinuierlich durchzieht, kann man seine Realität erschaffen, anstatt sie nur als passiver Beobachter zu erleben.[2]

Das heißt nicht, daß es keine objektive Realität gibt, nur können wir sie nicht objektiv wahrnehmen. Um nebenbei einen alten Koan aufzulösen: Der Baum, der im Wald umfällt, wenn niemand dabei ist, verursacht zwar eine Veränderung der lokalen Schwingung in Form von Schallwellen, aber damit diese als Geräusch wahrgenommen werden können, bedarf es der Anwesenheit eines Lebewesens, das die Schwingung über ein Gehörorgan in Impulse überträgt, die im Gehirn als Geräusche wahrgenommen werden (oder eines Gerätes, welches die Schwingung auf dieser Frequenz in akustische Signale umwandeln kann).

Um das ganze in unsere Gesellschaft zu übertragen: Es finden ständig zahlreiche Dinge, Prozesse und Ereignisse statt, die jedoch von den meisten Menschen aufgrund ihres eingeschränkten und/oder manipulierten Bewußtseins nicht oder nur sehr verzerrt wahrgenommen werden. Das Bewußtsein der Menschen ist der Schlüssel, und wenn man die Menschen kontrollieren will, muß man ihr Bewußtsein manipulieren, was in unserer Gesellschaft durch ein komplexes System aus Medienpropaganda erreicht wird, wodurch künstliche Konstrukte wie die „öffentliche Meinung“ oder „Political correctness“ erschaffen werden, mit denen durch gezielte Lenkung der Wahrnehmung nicht nur die Meinung und das Konsumverhalten der Menschen beeinflußt wird, sondern sogar ihre Sprache und ihr Denken.

Mir ist bewußt, daß das sehr esoterisch klingt, obwohl es im Grunde nur die praktische Anwendung von Psychologie und Quantenphysik ist. Wir sollten uns jedoch vor allem darüber im Klaren sein, daß die Medien und die Industrie diese Mechanismen bestens verstehen und gegen uns verwenden, angefangen von der suggestiven und subliminalen Wirkung der verschiedensten Werbemedien bis hin zur aktiven Einschüchterung mittels angsteinflößender Nachrichten und Behauptungen, deren einziges Ziel die Kontrolle der Bevölkerung ist.

Tatsächlich ist der psychopolitische Großkörper, den wir Gesellschaft nennen, nichts anderes als eine von medial induzierten Streß-Themen in Schwingung versetzte Sorgengemeinschaft.

Peter Sloterdijk

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Anders als in Kulturen, die wir gerne als primitiv bezeichnen, werden die Menschen in unserer Gesellschaft seit langer Zeit schon nicht mehr wirklich erwachsen, weil sie in der Pubertät und Jugend nicht lernen, mit Angst konstruktiv umzugehen und sie zu überwinden. Aus diesem Grund werden sie im Gegenteil ihr Leben lang weiterhin von Angst kontrolliert, so daß sie vom System einfach zu manipulieren sind. Bei Menschen, die ihr Leben von Angst bestimmen lassen, muß man nur die richtigen „Knöpfe“ drücken, also gezielt bestimmte emotionale Auslöser ansprechen, um sie zu den gewünschten Reaktionen zu bewegen.

Tief in ihrem Inneren spüren die Menschen, daß die Gesellschaft, in der sie leben, nicht das ist, was sie eigentlich wollen, aber da sie es nicht anders kennen und in der Regel auch nicht hinterfragen, und das System ihnen außerdem nicht nur ständig das Gefühl suggeriert, daß es keine Alternativen gibt, sondern daß im Gegenteil alles wunderbar ist, besteht der einzige Ausweg darin, die eigentlich kranken Umstände als „normal“ zu akzeptieren und sich daran anzupassen. Das Ergebnis ist eine Gesellschaft von Menschen, die immer mehr neurotische Verhaltensmuster entwickeln, um in der kranken Gesellschaft nicht aufzufallen und mit ihr konform zu gehen. Diese Krankheit der zivilisierten Gesellschaft ist unter verschiedenen Begriffen benannt und beschrieben worden: Kollektive Neurose (Erich Fromm), Gesellschaftsneurose (Hermann Oberth), Menschheitsneurose (Sigmund Freud), Normalneurose (Hans J. Eysenck), Krankheit der Gesellschaft (Wilhelm Kütemeyer), Neurotische oder Emotionale Pest (Wilhelm Reich) usw.

Was Licht für die Augen ist, was Luft für die Lungen ist, was Liebe für das Herz ist, ist Freiheit für die Seele des Menschen.

Robert G. Ingersoll

Im Leben eines Menschen werden im Idealfall im Laufe seiner Entwicklung immer weniger Gesetze und von außen auferlegte Regeln nötig sein, weil der Mensch – wenn man ihn läßt – reifer wird und aufgrund von Erfahrungen sein Handeln besser einschätzen und verantworten kann. Da aber in der Gesellschaft immer neue Elemente nachrücken, die als Grund für weitere gesetzliche Einschränkungen herhalten müssen, wird allen anderen durch die schrittweise Einschränkung der Freiheit und der damit einhergehenden Möglichkeiten, eigene Erfahrungen zu machen, jede Form der Entwicklung und Reifung von vornherein verwehrt, was auf lange Sicht zu einer Infantilisierung der Gesellschaft und einem Staat führt, der als großer Bruder überwacht, daß auch ja niemand dem gesellschaftlichen Kindergarten entfliehen kann, anstatt seiner eigentlichen Aufgabe nachzukommen, nämlich die Interessen der Bürger und des Volkes zu vertreten und deren Freiheit und Entwicklung zu sichern. Man verkauft uns jeden Tag immer mehr Kontrolle und Überwachung als angebliche Notwendigkeit für unsere Sicherheit.

Das System sucht sich die Extreme der verschiedenen gesellschaftlichen Bereiche heraus und verabschiedet Gesetze für das Volk, die sich an der Unfähigkeit oder Dummheit dieser Extreme orientiert. Auf diese Weise muß sich der Großteil der Bevölkerung an den dümmsten und unreifsten Elementen der Gesellschaft orientieren, weil das System meint, diese vor sich selbst beschützen und dafür die Freiheit aller anderen immer weiter einschränken zu müssen. Auf diese Weise wird aus einer Demokratie nach und nach ein totalitärer Staat.

Es gibt natürlich noch andere Kontrollmechanismen innerhalb dieses Systems. Eines davon ist Religion, in unserer Gesellschaft das Christentum, welches seit der Zwangschristianisierung durch die Römer die vorherrschende Religion ist, obwohl sie eigentlich auf der Verehrung einer antiken, lokalen hebräischen Wüsten- und Stammesgottheit (Jahwe) basiert, die mit der Kultur und Vergangenheit der westlichen Gesellschaft, insbesondere der deutschen, überhaupt nichts zu tun hat. Unsere Wurzeln, wenn wir denn einmal das Argument der kulturellen Tradition bemühen wollen, sind nordisch-teutonisch, und sicher nicht „christlich-abendländisch“ (was ein Widerspruch in sich ist), wie es von einer aus Ostdeutschland stammenden Politikerin formuliert wurde, was sich schon allein dadurch zeigt, daß sämtliche angeblich christlichen Feste und Feiertage auf heidnisch-naturreligiösen Jahresfesten basieren, die von der christlichen Kirche etwas abgewandelt und übernommen wurden.

Nachdem die Nationalsozialisten von 1933 bis 1945, also insgesamt elf Jahre an der Macht waren, sind deren Symbole und Insignien, wie das Sonnenrad oder Hakenkreuz und verschiedene Runen, in Deutschland verboten worden. Folgt man dieser Logik, so müßte das christliche Kreuz schon lange als das Zeichen des „Bösen“ an sich verboten sein, denn die Vertreter des Christentums haben seit 2.000 Jahren die ihrer Ansicht nach Ungläubigen und Ketzer verfolgt, gequält, gefoltert, eingekerkert und verbrannt. Millionen von Menschen wurden im Namen des Kreuzes getötet, weil sie gegen die Doktrinen der Kirche verstießen, abweichende Ansichten vertraten oder verbotenes Wissen besaßen.

Es ist mir ein absolutes Rätsel, warum die Menschen angesichts der Vergangenheit der christlichen Organisationen und Kirchen, die den Nationalsozialisten in Sachen Unmenschlichkeit und Grausamkeit in nichts nachstehen, diesen immer noch so viel Macht in ihrem Leben einräumen und das Knie vor ihnen beugen. Man sollte doch meinen, daß die Menschen froh wären, daß sie nicht mehr verfolgt werden, wenn sie selbst entscheiden, was sie glauben und welche Ansichten sie vertreten. Wenn die christlichen Kirchen heutzutage noch immer die Macht über die Bevölkerung hätten, die sie einst besaßen, würden die Schergen der Inquisition noch immer die Andersdenkenden, die Zweifler, die Ungläubigen und Ketzer nachts aus ihren Betten zerren und in ihre Folterkammern und Kerker verschleppen, um sie dort zu quälen und zu ermorden. Müßten die Handlanger dieser Organisationen nicht eigentlich aus den Städten und Dörfern gejagt werden und die unzähligen Kirchen dem Erdboden gleichgemacht oder für sinnvollere Zwecke verwendet werden?

Der Grund, warum dies nicht passiert, ist der, daß das Christentum eines der effektivsten und bewährtesten Kontrollmechanismen unserer Gesellschaft darstellt. Menschen, die aus moralischen Gründen Angst haben, eigene Entscheidungen zu treffen, weil sie ansonsten gegen die Regeln ihres projizierten jungianischen Gedankenkonstruktes namens „Gott“ verstoßen würden, sind geistige Sklaven und damit leicht kontrollierbar. Jemand, der argumentiert, daß er bestimmte Dinge nicht tun darf, weil „seine Religion das verbietet“ und dennoch Anhänger dieser Religion bleibt, zeigt ja auch deutlich seine geistige Abhängigkeit und Unfreiheit. Doch des Irrsinns nicht genug, lassen sich die Menschen von den Vertretern des Christentums auch noch Ratschläge in Sachen Moral und Menschlichkeit geben, was ungefähr so ist, als wenn heutzutage Nazis über Toleranz gegenüber Juden, Zigeunern und Behinderten predigen würden.



[1] siehe auch: Pinter, Holger, Die 68er-Verschwörung. Die Herrschaft der Unfähigen

[2] Ein hervorragendes Beispiel für den Prozeß der Bewußtseinsveränderung und der damit einhergehenden Änderung der Wahrnehmung und Realität ist der Film Und täglich grüßt das Murmeltier, weil hier immer derselbe Tag als Grundlage genommen wird, das Erleben dieses Tages aber gewaltigen Änderungen unterliegt, je nachdem wie sich das Bewußtsein des Hauptdarstellers verändert.

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