Leseprobe aus "The Devil's Avenger"

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Der Magische Kreis

Zunächst fand Anton nichts Kreativeres und Magischeres als einen Job als Orgelspieler im Mori's Point, einer ehemaligen Mondscheinkneipe an der Küste von San Mateo County südlich von San Francisco, sowie weitere Kunden in Sachen Exorzismus und Hypnose. Die Polizei betraute ihn auch weiterhin mit 800er-Fällen. Bei einem dieser Fälle ging es um einen Farmer, der behauptete, auf dem Friedhof bei seinem Weideland wankten die Gräber; außerdem würden die Augen seiner Kühe manchmal blutrot leuchten. Der Friedhof befand sich in einer Gegend, in der starke Luftströmungen herrschten und Erdbeben zu Verwerfungen in der Landoberfläche führten; und die Augen der Kühe röteten sich, wie Anton herausfand, ausschließlich bei Sonnenuntergang. Soweit es Anton betraf, fanden sich für sämtliche 800er-Fälle natürliche Erklärungen – mit einer Ausnahme.

Als Anton Spukhäuser untersuchte, stieß er auf gewisse Übereinstimmungen: Klopfgeräusche, Verstümmelungen, unerklärliche Pechsträhnen, sowie mehrere Leute, die in ein- und demselben Gebäude ermordet worden waren. Anton überprüfte bei diesen Gebäuden, deren Geschichte von Unglück und Chaos geprägt war, jedes nur mögliche Merkmal. Und ein solches Merkmal schienen sie alle gemeinsam zu haben: Ihre geometrische Form war die eines Trapezoids. Anton hatte bislang keine natürliche Erklärung für diese Tatsache, doch er war sich sicher, daß es etwas mit Magie zu tun hatte. Das Trapezoid tauchte immer wieder in okkulten Schriften und Legenden auf. Die gleiche Form hatte auch das Schloß aufgewiesen, in dem Gilles de Rais gewohnt hatte, der ursprüngliche Blaubart, der im fünfzehnten Jahrhundert beschuldigt worden war, magische Rituale auszuführen. Auch in den deutschen Schauerfilmen, die Anton im Berliner Kommandoposten der U.S. Armee gesehen hatte, bediente man sich des Trapezoids, und allem Anschein nach hatte auch Aleister Crowley bei einigen seiner magischen Rituale mit dieser Form experimentiert. Offensichtlich steckte dahinter eine Bedeutung.

Im Jahre 1956 war sich Anton bereits sicher, daß er Magie praktizieren würde. Seine Entdeckungen drängten ihn in diese Richtung, doch mangelte es ihm an der richtigen Unterkunft. Er lebte damals mit seiner Frau Carole und Tochter Karla in einer Mietswohnung am Meer in Sutro Heights, einem Stadtteil von San Francisco. In der Nachbarschaft wohnten fast nur sittenstrenge Leute, und da es unmöglich war, sich als Bewohner einer Mietswohnung von ihnen fernzuhalten, würde es mit Sicherheit Beschwerden über irgendwelche magischen Rituale geben. Schon die Tatsache, daß Anton sich einen schwarzen Panther namens Zoltan in der Wohnung hielt, sorgte für Stirnrunzeln. Anton hatte das Tier dem Schriftsteller Junius Adams abgekauft, der es in Burma erworben und dann mit dem Flugzeug über Israel in die USA transportiert hatte. Tagsüber hielt Anton den Panther in der Wohnung; erst nachts, wenn nicht mehr so viele Nachbarn in der Nähe waren, führte er ihn spazieren. Einigen Leuten jedoch begegnete man trotzdem, und die hatten Angst.

Anton hatte sich den Oberlippen- und Spitzbart wieder wachsen lassen, den er während seiner Tage auf dem Rummelplatz getragen hatte, sich als Polizeifotograf jedoch hatte abrasieren müssen. Dies verlieh ihm ein unheilverkündendes Aussehen, was durch den langen schwarzen Mantel, den er zum Schutz gegen den schweren Ozeannebel in Sutro Heights trug, noch verstärkt wurde. Dazu denke man sich noch einen schwarzen Panther, der an einer stählernen Kette neben Anton hertrottete, und man bekommt eine Vorstellung davon, welch furchteinflößende Gestalt da durch den nächtlichen Nebel stapfte. Passanten und Leute, die auf ihren Bus warteten, pflegten die Beine unter den Arm zu nehmen und wegzurennen. Anton war entzückt von seiner Fähigkeit, den Leuten Angst einzujagen; was ihm jedoch Sorgen machte, waren die sich häufenden Beschwerden, und so begann er sich nach einem neuen Heim umzusehen: einem, das groß genug war und ausreichend Privatsphäre bot, um dort Magie zu praktizieren.

Eines Tages, als ein Grundstücksmakler Anton eine Wohnung in der Nähe des noblen Sea-Cliff-Viertels zeigte, die ihn nicht interessierte, fiel ihm auf der anderen Straßenseite ein merkwürdig geformtes, schiefergraues Haus auf. Obwohl es die Aufschrift Verkauft trug, bat Anton wiederholt darum, es besichtigen zu dürfen. Der Makler beteuerte, das Haus würde ihn sicher nicht interessieren, da es einer exzentrischen schwarzen Frau gehöre, die es mit Falltüren, Geheimgängen, Leitern und sonstigen verrückten Vorrichtungen ausgestattet habe. Die Maklerfirma habe das Verkauft-Schild nur angebracht, weil die schwarze Eigentümerin es der Immobiliengesellschaft überschreiben wollte, die es billig bei ihr kaufen, reparieren lassen und auf diese Weise Profit machen würde. Natürlich: Je mehr der Grundstücksmakler preisgab, um so mehr wuchs in Anton der Entschluß, dieses Haus zu besitzen. Wie beiläufig fragte er nach dem Namen der schwarzen Frau. Als der Tag der Wohnungssuche vorbei war, schlug er ihren Namen im Telefonbuch nach und rief sie an.

Wie sich herausstellte, hatte das Haus Mary Ellen Pleasant gehört, der berühmtesten Puffmutter aus San Franciscos Barbary-Coast-Ära, einer wohlgestalteten Sklavin aus Georgia, die 1860 Richtung Westen gezogen war, um dort ein Bordell für betuchte Kunden zu eröffnen, voll mit Voodoo-Zauber und schwarzmagischen Ritualen. Mammy Pleasant, wie man Mary Ellen nannte, hatte ihr Betätigungsfeld auf verschiedene Wohnviertel San Franciscos ausgedehnt. Eines ihrer Häuser diente als Endstation West für die Untergrundbahn, mit der in den Tagen vor Abschaffung der Sklaverei schwarze Flüchtlinge entkamen.

Zusammen mit einer anderen schwarzen Puffmutter, die als Pförtnersfrau fungierte, hatte Mammy Pleasant aus dem seltsam geformten grauen Haus bei Sea Cliff eine Mondscheinkneipe gemacht. Nach Mammys Tod erwarb die Pförtnerin das Haus und stattete es mit versteckten Hohlräumen, Falltüren sowie einer Kellerbar aus. Falltüren gehörten in den Barbary-Coast-Tagen zur standardmäßigen Ausstattung von Häusern zweifelhaften Rufs. Im Falle von Wandschränken handelte es sich um falsche Rückwände. Man brachte sie in den Wandschränken derjenigen Zimmer an, wo die Kunden sich mit den Mädchen des Hauses vergnügten. Man bot dem Kunden an, seinen Mantel in den Schrank zu hängen, und während er und das Mädchen sich den Freuden der bezahlten Leidenschaft hingaben, betrat ein Komplize den Wandschrank durch die falsche Rückwand, um die Kleidung des so Übertölpelten nach Geld zu durchsuchen.

Als die Pförtnersfrau – denn sie war es, der Mammy Pleasants Haus nun gehörte – erfuhr, daß Anton das Gebäude zwecks Ausübung von Magie kaufen wollte, beschloß sie, daß er und nicht die Immobilienfirma es haben sollte. „Sie sind genau derjenige, der so ein Haus zu schätzen weiß.", sagte sie zu Anton. Nebenbei bemerkt: Er hatte ihr etwas mehr Geld geboten als die Immobilienfirma.

Nachdem Anton eingezogen war, begann er sofort, das Haus schwarz zu streichen. Da er nirgendwo schwarze Fassadenfarbe auftreiben konnte, folgerte er, so etwas würde wohl nicht hergestellt werden. Anstelle von gewöhnlicher Fassadenfarbe kaufte er aus Restbeständen etwas schwarze U-Boot-Farbe, lieh sich ein Gerüst aus und erledigte den Job selbst. Die Nachbarn waren sich bereits einig, daß Anton ein Spinner war, da er sich ein Auto mit Weißwandreifen gekauft hatte, obwohl er beteuerte, solche Reifen gar nicht haben zu wollen, und sie dann einfach schwarz anstrich. Einige der Rentner aus der Nachbarschaft akzeptierten ihn als Exzentriker, und da sie nichts Besseres zu tun hatten, kamen sie vorbei, um zu gaffen, wie er dem Haus einen Anstrich mit schwarzer U-Boot-Farbe verlieh. Nach und nach erzählten sie ihm Geschichten, von denen sie wußten, daß ein Exzentriker ihnen genüßlich lauschen würde. Es handelte sich um Legenden über das Haus, das Anton erworben hatte, und Geschichten von allnächtlichen Partys, die in den Tagen der Prohibition hier stattgefunden hatten.

Nach allem, was Anton sich zusammenreimen konnte, war das Haus im Jahre 1887 von einem schottischen Schiffskapitän erbaut worden. Seine Frau war sechs Monate nach ihrer Eheschließung unter mysteriösen Umständen verschwunden, und er hatte sich aus dem Staub gemacht und ward nicht mehr gesehen. Es mußte etwas Wahres an dieser Geschichte sein, denn das Haus bestand aus Holz aus der Gegend um Kap Horn, das von den Schiffen, die es brachten, als Ballast verwendet wurde, und die Nägel im Holz hatten jene viereckige Form, wie sie einst unter Seeleuten gebräuchlich war.

Das Haus eignete sich hervorragend für parapsychologische Forschungen. Es war, als hätte man es für einen Dr. Frankenstein oder einen Graf Dracula erbaut. Es enthielt dreizehn Räume, die passende Glückzahl für einen Satanisten, und es war möglich, sämtliche Wände von einem Ende des Hauses zum anderen zu durchqueren, da diese nicht massiv waren. In der ersten Halloween-Nacht, die Familie LaVey im Black House verbrachte, gab Anton eine Mitternachtsparty, und sie erwies sich als so energiegeladen, daß er beschloß, dieses Haus müsse zum Treffpunkt einer Art magischen Gruppe werden; zu viel Bedeutung, meinte er, stecke in diesem Ort, um einfach nur das Hauptquartier einer einzelnen Person für ihre okkulten Forschungen zu sein.

Etliche Monate später – fast als wäre es die Erfüllung von Antons Wünschen gewesen – waren die LaVeys in aller Munde. Herb Caen, der bekannteste Gesellschaftskolumnist Kaliforniens, brachte einen Artikel über das Black House und die Vogelspinne, die dort als Haustier durch die Korridore krabbelte. Etwa zur gleichen Zeit erhielt Anton eine Anstellung im Lost Weekend Nachtclub, wo er ein paar Nächte in der Woche auf der Wurlitzer-Theaterorgel spielen sollte; danach wurde er offizieller Organist bei Veranstaltungen der Stadt San Francisco und spielte auf der größten Pfeifenorgel westlich von Chicago, einer monströsen Konzertausführung mit fünf Tastaturen und achttausend Pfeifen, die ursprünglich für die Panama-Pacific-Weltausstellung im Jahre 1915 hergestellt worden war.

Es kam zwischen 1959 und 1960 noch zu einer weiteren magischen Begegnung: Der Manager des Seaview-Theaters in Pacifica führte eine siebzehn Jahre alte Platzanweiserin mit langen, blonden Haaren ins Mori's Point zum Essen aus. Sie hieß Diane und ähnelte ihrer Namensvetterin, der römischen Jagdgöttin Diana, in hohem Maße. Als Anton am Tisch des Theatermanagers saß und über außersinnliche Wahrnehmung und Spukhäuser sprach, funkelten Dianes grüne Augen vor Interesse. Am darauffolgenden Sonntag überredete sie den Theatermanager, sie wieder mit ins Mori's zu nehmen. Ihr fiel das nicht schwer, denn Diane war ein Mädchen von sinnlichem Aussehen, und dem Theatermanager, der von ihr besessen war, verschaffte es grenzenlose Befriedigung, sie überall herumzuzeigen. Zu seinem Pech fiel ihm nicht auf, daß er – als er sie am nächsten, übernächsten und drittnächsten Sonntag bereitwillig ins Mori's begleitete – in Begriff war, zum Bauernopfer einer anderen Liebesaffäre zu werden; denn auch Anton war von Diane hingerissen. Sofort fiel ihm auf, wie sehr ihr Körper dem von Marilyn Monroe ähnelte und ihre Bewegungen von der gleichen seltsamen Mischung aus Sinnlichkeit und einer Prise Hilflosigkeit geprägt waren. Während Diane Antons magisches Wissen sondierte, warf er immer wieder Fragen ein, um auf diese Weise mehr über ihr Leben zu erfahren.

Für Anton war Diane ein modernes Aschenputtel, das tagsüber bei einer Versicherungsgesellschaft und nachts im Theater arbeitete, einen beträchtlichen Teil ihres Gehalts ihrer Mutter überließ und sämtliche Restriktionen, die ihre Verabredungen, ihr Nachtleben und ihre Privataffären betrafen, artig akzeptierte. Sie habe sich stets für Magie interessiert, sagte sie zu Anton, doch immer wenn sie ein Buch über dieses Thema mit nach Hause bringe, kritisierte ihre Mutter ihre „albernen Ansichten".

Es ergab sich wie von selbst, daß Anton sich Diane angelte und sie ein Liebespaar wurden. Dieses Doppelleben hatte zur Folge, daß Antons Beziehung zu Carole sich immer mehr verschlechterte, während seine Liebe zu Diane immer größer wurde, bis Carole sich schließlich Ende 1960 von ihm scheiden ließ, um zur erfolgreichen Immobilienmaklerin zu werden und ihren verrückten Ehemann sein Ding allein durchziehen ließ.

Dieses Ding bestand darin, an jedem Freitag, dem traditionellen Sabbat des geheimen Hexenwissens, mitternächtliche Magieseminare für zwei Dollar fünfzig pro Kopf zu veranstalten. Auf der Themenliste standen okkulte und übernatürliche Dinge, die Anton im Laufe der Jahre erforscht hatte: Geister, Spuk, Vampire, Werwölfe, Wahrsagerei, Voodoo, Menschenopfer, Kannibalismus, Zombies, Ungeheuer, menschliche Abnormitäten, Homunkuli, PSI sowie telepathische Botschaften. Einige der Seminare wurden durch Anschauungsmaterial ergänzt; wenn Anton zum Beispiel über Schauergeschichten referierte, ließ er sein Gesicht grün anstrahlen, um besonders gruselige Stellen zu kennzeichnen, und rot, um das Schreckliche hervorzuheben. Das war noch einfach. Die Frage lautete, auf welche Weise Anton sein Seminar zum Thema Kannibalismus veranschaulichen sollte. Darauf konnte es nur eine Antwort geben.

Das Hauptgericht wurde von einem Arzt aus Berkeley zur Verfügung gestellt, der ebenfalls Besucher der Freitagabend-Seminare war. Es bestand aus dem Oberschenkel einer weißen, zweiundvierzig Jahre alten Amerikanerin, die in einem Krankenhaus in der östlichen San Francisco Bucht gestorben war. Der Arzt aus Berkeley hatte ihre Leiche einer Autopsie unterzogen. Diane, die nun Antons rechtmäßige Partnerin war, wurde zur Küchenchefin erkoren. Sie bereitet das Fleisch in Fruchtsäften, Triple-Sec-Likör und Grenadine zu; serviert wurde es mit gebackenen Bananen und Süßkartoffeln, so wie einst die Bewohner der Fidschi-Inseln ihr Puaka Balava („langes Schwein", ihre Bezeichnung für Mennchenfleisch) zubereitet hatten. Diane servierte das Gericht mit Tonkabohnen-Wein und Raupen. Die Teilnehmer, die das Essen nach Antons Mitternachtsseminar gemeinsam verzehrten, waren einvernehmlich der Meinung, es schmecke nach einer Mischung aus Schwein und Lamm; salziger als Lamm, süßer als Schwein, nicht so zart wie Lamm, sondern recht zähfaserig wie ein Schweinekotelett.

Als die veranschaulichten Vorträge komplexer wurden, kam es zur Durchführung einer Vielzahl von Ritualen, die zu den jeweiligen Diskussionsthemen paßten: Ägyptische Zeremonien zu Ehren des Fruchtbarkeitsgottes Osiris; Séancen, um Lust auf Gespräche über Spiritismus zu machen; Schwarze Messen zur Erforschung der dunklen Künste. Nach und nach entwickelten die Workshops sich zu regelmäßigen Freitagnacht-Treffs, an denen jede Woche die gleichen Leute teilnahmen. Endlich hatte Anton seine magische Gruppe im Black House. Er nannte sie den „Magischen Kreis".

... Fortsetzung des Kapitels im Buch ...

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