Leseprobe aus "Chaosmagie"

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Muster des Chaos

            Leute die Magie praktizieren, und viele die es nicht tun, werden manchmal beobachten, daß Dinge die in ihrem Leben geschehen, in Muster zu passen scheinen. Bestimmte ungewöhnliche oder manchmal auch bizarre Umstände treten auf, um es zu erleichtern oder gar zu erzwingen eine bestimmte Person zu treffen oder zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort zu sein, wenn dort etwas Bemerkenswertes stattfinden wird. Gleichermaßen bizarre Umstände können einen davon abhalten etwas zu tun, was eigentlich beabsichtigt war, und in einigen Fällen wird später der Grund dafür entdeckt, warum dies vermieden werden sollte.

            Carl Jung prägte den Begriff der Synchronizität, um Situationen zu beschreiben, in denen offenbar akausale Ereignisse miteinander in Beziehung zu stehen scheinen. Den meisten Leuten passiert irgendwann einmal etwas, das als Zufall betrachtet werden könnte. Vielleicht denkt man zum ersten Mal nach vielen Jahren wieder an einen alten Freund, und erhält dann einen Telefonanruf von diesem Freund oder trifft diesen Freund ´zufällig´ in einer Gegend, von der man nie gedacht hätte, diese bestimmte Person dort zu treffen.

            Eines der klassischen Beispiele ist Jungs eigenes Erlebnis, bei welchem ein goldgrüner Skarabäuskäfer auf der Fensterbank seines Büros landete, während er einem Patienten zuhörte, der von einem Traum über einen goldenen Skarabäus berichtete. Es gibt viele Beispiele solch ungewöhnlicher Zufälle, von denen einige schwieriger wegzuerklären sind als andere. Wissenschaftler tun diese Ereignisse meistens als ´einfache Zufälle´ ab, aber einige von uns erleben sie so regelmäßig, daß sie zu einem Muster in unserem Leben werden. In manchen Fällen fangen wir damit an, sie zu erwarten, oder betrachten Magie als eine Methode sie dazu anzuregen sich zu ereignen.

            Einige Muster sind eher subtil. Eine Reihe von Ereignissen über einen längeren Zeitraum, wird zu einem bestimmten Lebensweg führen. Man sagt, daß jemand der ein fortgeschrittenes Alter erreicht, auf sein Leben zurückblicken und erkennen kann, wie die Ereignisse wie Kapitel in einer Geschichte zusammenzupassen scheinen, deren Handlung wohldurchdacht ist, und nicht wie eine zufällige Reihe von Ereignissen.

            Im Falle von jemandem, der große Dinge erreicht hat, nachdem er sein Leben unter schwierigen Umständen begonnen hatte, kann dieses lange Muster alle Arten von ´Zufällen´ aufweisen, die irgendwie zusammenzupassen scheinen, und der Person Möglichkeiten eröffnete, die einer anderen Person nicht zugänglich gewesen wären. Man kann erkennen, daß sich, obwohl dies sehr unwahrscheinlich war, gewisse Dinge ereignen mußten, damit die Person diese Ebene des Erfolges erreichen konnte.

            Es ist nicht ungewöhnlich, herauszufinden, daß jemand der Erfolg hatte, zu einem Großteil aus eigenem Antrieb und Initiative handelt, und der Hardcoreempirist wird nicht zögern darauf hinzuweisen, daß sich die betreffende Person mit dieser Art Antrieb in hohem Maße ihre eigenen Gelegenheiten selbst erschaffen hat. Wenn man jedoch die gesamte Geschichte des Weges der Person zum Erfolg betrachtet, wird es sicherlich Gelegenheiten gegeben haben, die ´zufälligerweise´ genau zur richtigen Zeit in einer Weise aufgetreten sind, die nicht durch die Handlungen der Person oder ihrer Unterstützer erklärt werden kann. Wieder wird der Empirist rufen: „Zufall! Reiner Zufall!“. Der Magier andererseits wird erkennen, daß die Geisteshaltung des Erfolgreichen, unterstützt durch Selbstbestimmung und Vertrauen, das beeinflußt haben wird, auf das man sich heutzutage gemeinhin als den ´Wahrscheinlichkeitsfaktor´ bezieht.

            Ein Wicca aus der Tradition Gardners, den ich kannte, erklärte mir einmal, daß er und seine engen Verbündeten ziemlich glücklich darüber seien, diese Muster des Lebens einfach zu beobachten, ohne dabei herausfinden zu wollen, wie oder warum sie sich ereignen. Er fuhr fort zu erklären, daß es Teil ihres Glaubenssystems sei, die Mysterien des Lebens einfach als Mysterien zu akzeptieren. Sie glauben daran, das Wunder des Lebens lebendig zu halten.

            Ich kann mir vorstellen, daß in dieser Einstellung für einige Menschen ein gewisser Wert liegt. Für diejenigen, die Magie meist in einem religiösen Kontext praktizieren, hauptsächlich im Rahmen von Feiertags- oder Heilungsritualen, gibt es tatsächlich keinen Grund, Mystizismus in Einzelteile zu zerlegen und den Wahrscheinlichkeitsfaktor durch ein Überladen mit deterministischen Fakten zu vereiteln. Während die Heilungsrituale möglicherweise von einem besseren Verständnis davon profitieren könnten, wie Magie funktioniert, liegt kein Wert darin, sie ihres spirituellen Verständnisses von Magie zu berauben, bis sie nichts weiter als eine reduktionistische wissenschaftliche Erklärung für die Wirkungsweise der Natur wird. Es wird jedoch wahrscheinlich  niemandem von uns gelingen, diese Erklärung herauszufinden, wie hart wir es auch versuchen werden, einfach weil Magie sich nicht mehr an linearer Newton’scher Physik orientiert, wie es die Welt der kreativen Natur in der Realität tut, wie beim Studium der Chaoswissenschaft beobachtet wurde. Ich persönlich finde, daß die Verwendung des Modells eines Seltsamen Attraktors, um die Wirkungsweise von Magie zu verstehen, dafür geeignet ist gleichzeitig sowohl das Verständnis, als auch das Mysterium zu intensivieren, indem es einen höheren Grad an Kontrolle ermöglicht, ohne daß dabei der Sinn für das Staunen über die einfache Schönheit des Wirkens der Natur verloren geht.

            Diejenigen von uns, deren Leben direkt durch unsere individuellen magischen Operationen beeinflußt wird, (in welchen wir Magie ausüben, um Elemente unseres täglichen Lebens zu verändern) versuchen so weit wie möglich die Natur von Mustern in einem magischen Universum zu verstehen, weil die Ereignisse unseres Lebens durch unser magisches Wirken geformt werden. Zu verstehen, wie diese Muster durch unsere Handlungen, unsere Rituale und sogar dem Formen einer Absicht in unserem Geist beeinflußt werden, führt dazu, daß es eine Angelegenheit der ausübenden Kontrolle über die Art und Weise wird, auf die sich unser Leben entfalten wird.

            Das bringt uns zurück zum Begriff ´Wahrscheinlichkeitsfaktor´ Es ist ein offensichtlicher Ausdruck, der den Grad der Wahrscheinlichkeit des Erfolges bei jeder magischen Operation beschreibt. Dies ist der Punkt, an dem das Verständnis für die Kunst beginnt, Zufälle geschehen zu lassen. Wir beginnen mit einer Absicht. Es gibt etwas, von dem wir möchten, daß es geschieht oder sich ändert.

            Ein klassisches Beispiel ist der Wunsch nach mehr Geld. Es gibt mehrere Ansätze, die man verwenden kann, um dies zu erreichen, abhängig von den anfänglichen Bedingungen. Der Wahrscheinlichkeitsfaktor sagt etwas darüber aus, wie wahrscheinlich es ist, daß das Ziel mit der versuchten Methode erreicht wird. Wenn eine Person beispielsweise in einer Lotterie oder einem Preisausschreiben Geld gewinnen möchte, stehen die Chancen auf einen Gewinn aufgrund der anfänglichen Bedingungen haushoch dagegen. Handelt es sich um eine arbeitende Person, die versucht einen besseren Job heraufzubeschwören, eine Gehaltserhöhung oder Umstände die dazu führen, daß die Person ein Geschäft eröffnet, so hat jede Situation ihren eigenen Wahrscheinlichkeitsfaktor, von denen jeder wahrscheinlicher ist als das Preisausschreiben.

            Die Anwendung von Magie hat bei jeder dieser Methoden zur Zielerreichung das Potential, die Dinge zugunsten der eigenen Vorstellung zu wenden, aber es liegt ein wesentlich höherer Wahrscheinlichkeitsfaktor vor, daß unsere Beispielperson einen besseren Job finden oder eine Gehaltserhöhung erhalten wird, als daß sie in der Lotterie gewinnt. Das heißt nicht, daß es schaden kann ein Lotterielos zu kaufen, aber ein paar Bewerbungen zu schreiben oder mit dem Chef über eine Gehaltserhöhung zu sprechen wäre eine gute Idee, um in Einklang mit jedweder magischen Operation zu handeln, die ausgeführt wird.

            Häufig resultieren Geldrituale eher in kleine, unerwartete Glücksfälle, die ´rein zufällig´ ein spezifisches Bedürfnis abdecken, als zu großem Reichtum zu führen, der zu keinem besonderen Zweck gewonnen wird, außer um die reine Gier zu befriedigen. Ebenso wie die Muster, die in Diagrammen von Seltsamen Attraktoren in der Chaoswissenschaft abgebildet sind, ereignen sich die Muster des Lebens und der Magie im Rahmen von bestimmten Parametern, und es ist gefährlicher und riskanter, sich außerhalb der Parameter natürlicher Phänomene zu bewegen, als einen Pfad zu beeinflussen, der innerhalb dieser Parameter liegt. Indem wir unsere Geisteshaltung ändern, können wir die Muster der Ereignisse in unserem Leben verändern, und unser Schicksal bis zu einem gewissen Grad  kontrollieren.

            Dieses Gebiet der Magie ist von dualer Natur. Einerseits hat das Kontrollieren unseres Schicksals den Vorteil, uns zu unseren persönlichen Zielen zu führen. Andererseits dürfen wir nicht vergessen, daß es weiterhin Mysterien für uns gibt. Es werden stets Faktoren existieren, von denen wir nichts wissen. Zu versuchen, die Ereignisse zu zwingen einem bestimmten Muster zu folgen, kann uns davon abhalten ein weiteres Muster zu erkennen, welches versucht sich auf natürliche Weise zu entfalten. Wir können uns selbst auch einen schlechten Dienst erweisen, indem wir zuviel Kontrolle ausüben.

            Wenn sich die oben genannte Person beispielsweise auf die Idee fixieren sollte, daß der einzige Weg ihr Ziel zu erreichen darin besteht, einen neuen Job zu finden, und sie sowohl ein Ritual zu diesem Zweck durchführt, als auch starke Anstrengungen unternimmt eine neue Position zu finden, besteht das Risiko, daß eine andere Gelegenheit, wie eine anstehende Beförderung, übersehen wird, und der alte Job möglicherweise gekündigt wird, kurz bevor die Beförderung in Kraft getreten wäre. Wenn unser imaginärer Freund seinen Geist für alle Möglichkeiten offen gehalten hätte, hätte er zwar all die Anstrengungen unternommen, einen neuen Job zu finden, hätte aber den alten Job behalten, während er darauf gewartet hätte, daß sich ein Muster manifestiert und gleichzeitig auf subtile Änderungen der Ereignisse geachtet. Ob er nun mit der Beförderung oder dem neuen Job glücklicher gewesen wäre, ist eine völlig andere Geschichte, aber die subtilen Anhaltspunkte im Muster der Ereignisse hätten die Person im Idealfall zum bevorzugten Ergebnis geführt.

 

Magie in Gedanke und Tat

            Es erscheint mir weise, Dinge wie Wahrscheinlichkeit und Konsequenzen zu berücksichtigen, wenn man einen magischen Akt vollzieht. Ein magischer Akt kann vom rituellen Psychodrama bis zu einer im Geist geformten Absicht alles umfassen, in einigen Fällen auch nur ein Gedankenfragment. Es ist die subtile Transformation von mentaler Energie, man könnte sagen durch Projektion, die den Prozeß der Veränderung in den äußeren Bedingungen einleitet, die von diesem Gedanken beeinflußt wird, was zu einer veränderten Reihe von Ereignissen führt, als denjenigen die vielleicht aufgetreten wären, wenn die Absicht niemals aufgetaucht wäre. Dies ist eine subtile, aber sehr effektive Form der Magie, die hervorragend durch das Beispiel des Schmetterlingseffekts veranschaulicht wird, welches im Kapitel über Chaoswissenschaft besprochen wird.

            Der Effekt, den die Geisteshaltung einer Person auf ihre unmittelbare Umgebung haben kann, ist wissenschaftlich nicht zu ermitteln oder zu messen, außer im Fall einer psychologischen Veränderung, welche tatsächlich das Verhalten der betreffenden Person verändert. Daß die Gedanken einer Person die sie umgebenden Ereignisse außerhalb des Bereiches direkter Handlungen verändern können, ist ein offensichtlich akausales Ergebnis, geschieht aber dennoch häufig.

            Die Wissenschaft kann gegenwärtig nicht erklären, wie oder warum dies auftritt, obwohl es Theorien unter den Chaoswissenschaftlern gibt, welche die Tatsache anerkennen, daß es auftritt, und diesem Bereich daher ein gewisses Maß an Studium widmen. Der Magier studiert weniger wie es funktioniert, als vielmehr wie man es beeinflußt. Vieles von dem, was während eines Rituals oder bei einer anderen Anwendung einer magischen Operation erlebt wird, ist sehr schwierig jemandem zu erklären, der diese Erfahrung nicht gemacht hat. Vieles von dem was geschieht, wird auf eine Weise wahrgenommen, die ich nur psychisch nennen kann, jedoch eher auf einer emotionalen Ebene, als auf eine mentale Art gesehen oder gehört. Eine Absicht in seinem Geist zu formen, und einfach zu wissen, daß der Zweck bereits durch diese gedankliche Formierung erreicht ist, ist eine Erfahrung, die ich mein ganzes Leben lang versucht habe, mir selbst und anderen zu erklären, mit denen ich die ein oder andere Form der Magie studiert habe. Es war diese Suche, die mich schließlich zum Studium der Chaostheorie führte.

            Über die ´Energie´ oder ´Substanz´ von Magie wurde ziemlich viel geschrieben, besonders seit den 60er Jahren. Grundlegende Bücher über Magie erklären die vier alchimistischen Elemente, Erde, Luft, Feuer und Wasser, und versuchen anschließend das fünfte Element, Äther, zu erklären. Einige Leute bezeichnen dies auch als Geist (Spirit).

            Äther wird als die Substanz beschrieben, durch welche sich magische ´Energie´ bewegt, oder auch als das Raumzeitgefüge. Dies ist ein Versuch, etwas zu erklären, das nicht wirklich Energie ist, aber dennoch etwas, für das wir keinen anderen Begriff haben, um es adäquat zu beschreiben. Es ist ein Konzept, welches in seinen eigenen Begriffen verstanden werden muß. Die frühen Alchimisten prägten den Begriff ´Äther´, um das Medium zu beschreiben, in welcher sich magische Operationen manifestieren. Die ´Substanz´ des Äthers wird durch Gedanken oder Absicht beeinflußt, ebenso wie Luftströmungen (zumindest theoretisch) durch den Flügelschlag eines Schmetterlings beeinflußt werden, wie der Schmetterlingseffekt veranschaulicht. Der Zweck eines magischen Rituals besteht darin, eine mentale Verbindung mit der Absicht des Magiers in seinem unterbewußten Geist herzustellen, was wiederum eine Veränderung im ätherischen Gefüge zur Folge hat, und daher bewirkt, daß bestimmte Veränderungen auftauchen.

            Das Kreative Chaos ist das schöpferische Prinzip hinter aller Magie. Wenn ein magisches Ritual ausgeführt wird, wird unabhängig von ´Traditionen´ oder anderen Variablen bei den ausgeführten Elementen eine virtuelle magische ´Energie´ kreiert und in Bewegung gesetzt, um etwas geschehen zu lassen. Man könnte sagen, daß jede magische ´Energie´ chaotische ´Energie´ ist, denn wenn eine magische Operation einmal ausgeführt wurde, liegt die ´Energie´ nicht mehr in den Händen des Magiers und das Ergebnis wird von vielen Faktoren abhängen. Dies umfaßt das Maß an Kontrolle, welches der Magier während der Operation auszuüben in der Lage war, welches wiederum von Erfahrung und Fähigkeit, als auch äußeren Einflüssen abhängt.

            Das Wort ´Energie´, welches in diesem Kontext benutzt wird, ist, wie ich bereits angemerkt habe, vielleicht nicht die beste Begriffswahl, aber auszudrücken was ich zu beschreiben versuche, wird etwas von den begrenzten Möglichkeiten der Sprache verhindert. Ich kann nur nochmals im Geiste des Schmetterlingseffekts wiederholen, daß eine erfolgreiche magische Operation eine Veränderung in der ´ätherischen Substanz´ erschafft, welche alle Dinge umgibt und durchdringt, und in einem offensichtlich akausalen Effekt resultiert.

            Der Trick besteht nicht nur darin, zu lernen wie man es schafft, daß die eigenen magischen Operationen überhaupt funktionieren, sondern auch ein gewisses Maß an Kontrolle über den letztendlichen Effekt zu erlangen. Magie ist eine subtile Kraft, ebenso wie es das Chaos in der Natur ist, und ist allen möglichen Variablen unterworfen. Dies ist, abgesehen von klaren Vorurteilen, einer der Gründe, warum Magie von vielen Religionen als gefährlich erachtet wurde, und warum spirituelle Führer die gesamte Geschichte hindurch versucht haben, Magie der ´Priesterkaste´ vorzubehalten, welcher Kultur sie auch angehörten.

            Dies hat das gewöhnliche Volk nicht immer davon abgehalten, seine eigene ´kleine Magie´ zu praktizieren, obwohl die ´offizielle´ Einstellung von völliger Verheimlichung bis zu achselzuckendem Abtun als Aberglaube reicht. Es hat nichts zu sagen, daß Bessy die Kuh wirklich wieder anfing Milch zu geben, nachdem ihre Herrin im Unterholz ein Ritual durchgeführt hat, daß mit Katzenknochen und Sägemehl zu tun hatte.

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