Extract from / Leseprobe aus
"Aphorismen von / Sayings of Ragnar Redbeard"
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Der Priester und der Teufel

Fjodor Dostojewski gelangte zu Ruhm als Autor von zwei der beeindruckendsten psychologischen Studien, die jemals niedergeschrieben wurden: Arme Leute und Schuld und Sühne, die beide in die meisten europäischen Sprachen übersetzt worden sind. Während seiner Kerkerhaft aus politischen Gründen in der furchtbaren Peter-und-Paul-Festung – eine Gefangenschaft, die seine Gesundheit ruinierte und seinen frühen Tod zur Folge hatte – schrieb er folgende Geschichte an die Wand seiner Zelle.

Das ist die Hölle

von Fjodor Dostojewski*

Vor dem Altar einer prächtigen Kirche, funkelnd voller Gold und Silber und von einer Vielzahl von Kerzen erleuchtet, stand ein Priester, gekleidet in eine herrliche Robe und einen prachtvollen Mantel. Er war ein beleibter, würdevoller Mann, mit rötlichen Wangen und einem gepflegten Bart. Er hatte eine sonore Stimme und ein stolzes Gebaren. Seine Erscheinung glühte und strahlte vor Luxus, in Einklang mit der Kirche.

Die Versammlung hingegen bot ein ganz anderes Bild. Sie bestand hauptsächlich aus armen Arbeitern und Bauern, alten Frauen und Bettlern. Ihre Kleidung war schäbig und verströmte den eigentümlichen Geruch von Armut. Ihre dünnen Gesichter wiesen die Zeichen von Hunger auf, und ihre Hände die von harter Arbeit. Es war ein Bild von Not und Elend.

Der Priester verbrannte Weihrauch vor den heiligen Bildern und erhob sodann fromm und feierlich seine Stimme und predigte.

„Meine lieben Brüder in Christus“, sagte er. „Unser guter Herr gab euch das Leben, und es ist eure Aufgabe, damit zufrieden zu sein. Aber seid ihr zufrieden? Nein.

Zuallererst habt ihr nicht genug Vertrauen in unseren guten Herrn, seine Heiligen und Wunder. Ihr gebt der heiligen Kirche nicht so freimütig von eurem Einkommen wie ihr solltet.

Des weiteren gehorcht ihr der Obrigkeit nicht. Ihr widersetzt euch den Mächten der Welt, dem Zaren und seinen Beamten. Ihr mißachtet die Gesetze.

Es steht in der Bibel geschrieben, ‚Gebt dem Kaiser was des Kaisers ist, und Gott was Gottes ist.’ Aber das tut ihr nicht! Und wißt ihr, was das bedeutet? Es ist eine Todsünde. Fürwahr, ich sage euch, es ist der Teufel, der euch in Versuchung führt, seinem Pfad zu folgen. Er ist es, der eure Seelen versucht, und ihr glaubt, es wäre euer freier Wille, der euch drängt, euch derart zu verhalten. Doch es ist sein Wille, nicht eurer. Er wartet auf euren Tod. Er wird vor den Flammen der Hölle tanzen, in denen eure Seelen Qualen erleiden werden.

Daher warne ich euch, meine Brüder; ich ermahne euch, den Pfad der Verdammnis zu verlassen. Es ist immer noch Zeit. Oh, Gott, sei gnädig!“

Die Leute hörten zitternd zu. Sie glaubten an die feierlichen Worte des Priesters. Sie seufzten und bekreuzigten sich und küßten inbrünstig den Boden. Der Priester bekreuzigte sich ebenfalls, kehrte den Leuten den Rücken zu – und lächelte.

Es traf sich, daß der Teufel gerade an der Kirche vorbeikam, während der Priester so zu den Leuten sprach. Er hörte, wie sein Name erwähnt wurde, also stellte er sich an die offene Tür und hörte zu. Er sah, wie die Leute dem Priester die Hand küßten. Er sah, wie der Priester, während er sich vor dem vergoldeten Bildern einiger Heiliger verbeugte, eilig das Geld einsteckte, das die armen Leute dort für die heilige Kirche hinterlassen hatten. Das verärgerte den Teufel, und sobald der Priester die Kirche verließ, lief er ihm nach und packte ihn an seinem heiligen Mantel.

„Hallo, du fetter, kleiner Vater“, sagte er. „Wieso hast du diese armen, fehlgeleiteten Leute belogen? Welche Höllenqualen hast du ihnen geschildert? Weißt du denn nicht, daß sie die Qualen der Hölle bereits in ihrem Leben auf Erden erleiden? Weißt du denn nicht, daß du und die Staatsobrigkeit meine Vertreter auf Erden sind? Ihr seid es, wegen denen sie Höllenqualen erleiden, mit denen du ihnen drohst. Weißt du das denn nicht? Nun, dann komm mit mir!“

Der Teufel packte den Priester am Kragen, hob ihn hoch in die Luft und trug ihn zu einer Fabrik, einer Eisengießerei. Dort sah er die Arbeiter herumlaufen und hin- und her eilen, und in der stechenden Hitze schuften. Schon bald war die dicke, schwere Luft zuviel für den Priester. Mit Tränen in den Augen fleht er den Teufel an: „Laß mich gehen. Laß mich raus aus dieser Hölle!“

„Oh, mein lieber Freund, ich muß dir noch einige Orte zeigen.“ Der Teufel packt ihn erneut und schleppt ihn zu einer Farm, wo er sieht, wie die Arbeiter das Korn dreschen. Der Staub und die Hitze sind unerträglich. Der Aufseher hat eine Peitsche und schlägt gnadenlos jeden, der von der harten Arbeit oder vor Hunger auf den Boden sinkt.

Als nächstes wird der Priester zu den Hütten gebracht, wo eben diese Arbeiter mit ihren Familien leben – dreckige, kalte, rußige und übelriechende Löcher. Der Teufel grinst. Er zeigt ihm die Armut und das Elend auf, die hier zuhause sind.

„Nun, reicht das nicht?“ fragt er. Und es scheint, als ob selbst er, der Teufel, diese Leute bemitleidet. Der fromme Diener Gottes kann es kaum ertragen. Mit erhobenen Händen bettelt er: „Bring mich hier weg. Ja, ja! Das ist die Hölle auf Erden!“

„Nun, jetzt siehst du es. Und doch versprichst du ihnen eine andere Hölle. Du quälst sie, folterst sie im Geiste zu Tode, wo sie doch schon körperlich dem Tode nahe sind. Komm mit! Ich werde dir noch eine Hölle zeigen – noch eine, die absolut schlimmste.“

Er nahm ihn mit in ein Gefängnis, und zeigte ihm einen Kerker mit fauliger Luft und den vielen Menschen, jeglicher Gesundheit und Energie beraubt, die auf dem Boden lagen, bedeckt mit Ungeziefer, das ihre armen, nackten und ausgemergelten Körper auffraß.

„Zieh deine seidenen Gewänder aus“, sagte der Teufel zum Priester. „Lege schwere Ketten um deine Fußgelenke, wie sie diese Bedauernswerten tragen, lege dich auf den kalten und verdreckten Boden – und dann erzähl ihnen von einer Hölle, die sie noch erwartet!“

„Nein, nein!“ antwortete der Priester. „Ich kann mir nichts Entsetzlicheres als dies vorstellen. Ich flehe dich an, bring mich von hier weg!“

„Ja, das ist die Hölle. Es kann keine schlimmere Hölle als das hier geben. Wußtest du das nicht? Wußtest du nicht, daß diese Männer und Frauen, die du mit der Vorstellung einer Hölle nach dem Leben ängstigen wolltest, wußtest du nicht, daß sie genau hier in der Hölle sind, bevor sie sterben?“

Der Priester senkte den Kopf. In seiner Beschämung wußte er nicht, wohin er sehen sollte.

Der Teufel lächelte. „Ja, kleiner Vater, du wirst sagen, daß die Welt gerne betrogen wird. Nun, denn!“ Und er ließ den Priester los. Und dieser streifte seinen langen Mantel über und lief so schnell ihn seine Füße trugen. Der Teufel sah ihm nach und lachte.

~

Diese Geschichte fiel mir ein, während ich der Predigt eines Gefängniskaplans zuhörte, und ich schrieb sie heute an die Wand, 13. Dezember 1849.

Ein Gefangener.

 

The Priest and the Devil

Fedor Dostoyevsky achieved fame as the author of two of the most powerful psychical studies ever penned: “Poor Folk” and “Crime and Punishment”, both of which have been translated into most European languages. During his incarceration, for political reasons, in the terrible fortress of Saints Peter and Paul – an imprisonment which ruined his constitution and caused his early death – he wrote the following sketch upon the wall oh his cell.
This is Hell
by Fedor Dostoyevsky*

Before the altar in a splendid church, glistening with gold and silver and lit up by a multitude of candles, stood a priest arrayed in a beautiful robe and gorgeous mantle. He was a portly, dignified man, with ruddy cheeks and well-kept beard. His voice was sonorous and his mien haughty. His appearance, in keeping with the church, glowed and shone with luxury.

The congregation, however, presented a different picture. It consisted mostly of poor working-men and peasants, old women and beggars. Their clothing was shabby and exhaled the peculiar odor of poverty. Their thin faces bore the marks of hunger and their hands the marks of toil. It was this picture of want and misery.

The priest burned incense before the holy pictures, and then piously and solemnly raised his voice and preached.

“My dear brethren in Christ”, he said, “our dear Lord gave you life, and it is your duty to be satisfied with it. But are you satisfied? No.

First of all, you do not have enough faith in our dear Lord and His saints and miracles. You do not give as freely as you should from your earnings to the holy church.

In the second place, you do not obey the authorities. You oppose the powers of the world, the Tsar and his officers. You despise the laws.

It is written in the Bible, ‘Give unto Caesar that which is Caesar’s and give unto God that which is God’s’ But you do not do it! And do you know what this means? This is deadly sin. Indeed, I tell you, it is the devil who is tempting you to go his way. It is he who tempts your souls, and you imagine it is your own free will that prompts you to act in this way. His will it is, not yours. He is waiting for your death. He is burning with eagerness to possess your souls. He will dance before the flames of hell, in which your souls will suffer agonies.

Therefore I warn you, my brethren, I admonish you to leave the path of damnation. There is still time. O God, have mercy!”

The people listened, trembling. They believed the priest’s solemn words. They sighed and crossed themselves, fervently kissed the floor. The priest also crossed himself, turned his back to the people – and smiled.

It so happened that the devil was just passing by the church while the priest was speaking thus to the people. He heard his name mentioned, so he stood by the open window and listened. He saw the people kiss the priest’s hand. He saw how the priest, bending before a gilded picture of some saint, hastily pocketed the money which the poor people had put down there for the holy church. This provoked the devil, and no sooner did the priest leave the church than he ran after him and caught hold of his holy mantle.

“Hello you fat little father!” he said. “What made you lie so to those poor misled people? What tortures of hell did you depict? Don’t you know they are already suffering the tortures of hell in their earthly lives? Don’t you know that you and the authorities of the State are my representatives on earth? It is you who make them suffer the pains of hell with which you threaten them. Don’t you know this? Well, then, come with me!”

The devil grabbed the priest by the collar, lifted him high in the air, and carried him to a factory, to an iron foundry. He saw the workmen there running and hurrying to and fro and toiling in the scorching heat. Very soon the thick, heavy air and the heat were too much for the priest. With tears in his eyes, he pleads with the devil: “Let me go! Let me leave this hell!”

“Oh, my dear friend, I must show you many more places.” The devil gets hold of him again and drags him off to a farm. There he sees the workmen threshing the grain. The dust and heat are insufferable. The overseer carries a knout, and unmercifully beats anyone who falls to the ground overcome by hard work or hunger.

Next the priest is taken to the huts where these same workers live with their families – dirty, cold, smoky, illsmelling holes. The devil grins. He pointed out poverty and hardship which are at home here.

“Well, isn’t this enough?” he asks. And it seems as if even he, the devil, pities people. The pious servant of God can hardly bear it. With uplifted hands he begs: “Let me go away from here. Yes, yes! This is hell on earth!”

“Well, then, you see. And you still promise them another hell. You torment them, torture them to death mentally when they are already all but dead physically! Come on! I will show you one more hell – one more, the very worst.”

He took him to a prison, and showed him a dungeon, with its foul air and the many human forms, robbed of all health and energy, lying on the floor, covered with vermin that were devouring their poor, naked, emaciated bodies.

“Take off your silken clothes”, said the devil to the priest; “put on your ankles heavy chains such as these unfortunates wear; lie down on the cold and filthy floor – and then talk to them about a hell that still awaits them!”

“No, no!” answered the priest. “I cannot think of anything more dreadful than this. I entreat you, let me go away from here!”

“Yes, this is hell. There can be no worse hell than this. Did you not know it? Did you not know that these men and women whom you were frightening with the picture of a hell hereafter – did you not know that they are in hell right here, before they die?”

The priest hung his head. He did not know where to look in his confusion.

The devil smiled maliciously. “Yes little father, you are going to say that the world likes to be cheated. Well, now!” And he released his hold.

The priest tucked up his long mantle and ran fast as his legs would carry him.

The devil watched and laughed.

~

This story came into my mind while listening to the sermon of the prison chaplain, and I wrote it down on the wall to-day, December 13, 1849.

A Prisoner.



* According to Prof. Dr. Rainer Goldt, a member of the Scientific Advisory Council of the German Dostojewskij-Society, the text is not authentic.

* Laut Prof. Dr. Rainer Goldt, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Dostojwskij-Gesellschaft, ist der Text nicht authentisch.

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