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Sein und Werden, Wille und Anschauung, Kultur und Natur sowie zahllose
weitere Gegensatzpaare im initiatorischen Prozeß der Ich-Werdung zeugen
von einem ewigen Konflikt im Innersten des Menschen, einer Dualität, zu
der die ganze Gattung Mensch kraft ihres Bewußtseins verdammt zu sein
scheint. |
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Frank Lerch |
Leseprobe Inhalt |
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Stimmen zum Buch „Aleister
Crowley wird, so scheint es, mehr kommentiert denn gelesen. Dieser
eklektische Mystiker und sein persönliches System der „Magick“
erzeugen in der Öffentlichkeit auch heute noch ein äußerst diffuses,
eher negatives Bild. Dies mag primär auf sein exzentrisches Auftreten und
seine blumige, mitunter kryptische Ausdrucksweise zurückzuführen sein,
denn neben aller (berechtigten wie unberechtigten) Kritik an seiner Person
fällt ein wichtiger Aspekt seines Werkes
allzu oft unter den Tisch: Seine Botschaft ist absolut
gesellschaftskonform, ja nahezu gutmenschlich. In seinem Buch Vier
etwa gibt Crowley klar und deutlich zu verstehen: Wer aus reinem
Eigeninteresse (z.B. um eines materiellen Vorteils willen) zaubert, ist in
seinen Augen ein „Schwarzmagier“ und handelt somit moralisch
verwerflich. Was ihm als positive Gegenutopie vorschwebt, ist die Idee des
„großen Werkes“. Wenn nur alle Menschen ihren „wahren Willen“
(„Thelema“) fänden, so würden sich Crowley zufolge alle egoistischen
Einzelinteressen nivellieren und wir würden in einer Welt friedlicher,
liebevoller Koexistenz leben. Was ihn von anderen Propheten wie Buddha
oder Jesus unterscheidet, ist nicht das Ziel, sondern der Weg: Exzeß
anstelle von Askese. Die
exzessive, leidenschaftliche Lebensweise jedoch ist es, die Crowley mit
seinen ungeliebten „schwarzen Brüdern“ des Pfades zur Linken (LHP)
verbindet – seien es nun Aghoris, Satanisten, Setianer oder andere. Der
Lebenskünstler und Autor Frank Lerch, welcher bereits durch die
schwarzmagischen bzw. tantrischen Schriften Nightworks, Black
Light Pleasures, Ouroboros Files und Das Erbe des Tieres
Aufsehen erregt hat, unterzieht nun mit seinem neuen Output Apollon und
Dionysos: Zwei Urkräfte der Magie das Prinzip der magischen Ekstase
einer LHP-konformen Untersuchung. Im Fokus des Interesses stehen dabei
einmal mehr die Möglichkeiten einer persönlichen Ich-Erweiterung.
Crowleys „Magick“ dient Lerch hier als Musterbeispiel der abendländischen
Magie, auf welches er Friedrich Nietzsches Erklärungsmodell des
„Apollinisch-Dionysischen“ projizieren kann. Dieses Modell stellte
Nietzsche erstmalig mit seinem philosophischen Debüt Die Geburt der
Tragödie aus dem Geiste der Musik im Jahre 1871 vor. Der
Gott Dionysos steht in diesem Kontext für das überbordende Chaos, die
rauschhafte Ekstase, das Fremde (Heterogene) und die Grenzüberschreitung
– ein Prinzip, wie es z.B. von Georges Bataille intensiv untersucht
worden ist. Für den schöpferischen Menschen ist Dionysos zugleich die
Summe des unverwirklichten Potentials: Das Rohmaterial, mit dem er
arbeiten kann; die archaische Kraft, welche ihn von einengenden Strukturen
befreit und inspiriert. Gänzlich
ungelenkt, wirkt Dionysos jedoch ebenso verheerend und zerstörerisch wie
ein Flächenbrand. Es bedarf eines ausgleichenden Balancefaktors: Apollon.
Erst dort, wo der Mensch eine konkrete Manifestation seiner Vorstellungen
auf der materiellen Ebene erwirkt, kann er wirklich frei sein. Vereinfacht
gesagt: Wir bringen ins Dasein, was wir, kraft unseres Willens, dem Chaos
abgerungen haben. Die
ursprüngliche Begeisterung Nietzsches für die Philosophie Arthur
Schopenhauers und die Musik Richard Wagners, welche ihm als Initialzündung
seines eigenen philosophischen Schaffens diente, ist für Lerch hier ohne
Relevanz. Was ihn an Nietzsches Modell interessiert, ist vielmehr das
Potential einer radikalen Neuerklärung der Magie, welche für Lerch bis
zum Beginn der Aufklärung ein essentieller Bestandteil der europäischen
Kulturgeschichte gewesen ist. An dieser Stelle mag vielleicht deutlich
werden, wie komplex und weitreichend das von Lerch angeschnittene Thema
ist. Es geht ihm hier nicht nur um die reine Dichotomie zwischen dem
„Apollinischen“ und dem „Dionysischen“, sondern auch um die
erforderliche Kritik abendländischer Denkkategorien wie „Objekt“ und
„Subjekt“, was ebenfalls ein wichtiger Aspekt von Nietzsches Denken
gewesen ist. Obgleich
wir der rationalistischen Tradition viel verdanken, stoßen wir nicht
zuletzt durch den – in der christlichen Säkularisierung der Welt selbst
eingeleiteten! – „Tod Gottes“ auf erhebliche Begründungsprobleme
epistemologischer, ethischer und existentialistischer Natur. Wir befinden
uns mitten in einem soziokulturellen Umwälzungsprozeß, welchen Nietzsche
als „Heraufkunft des
Nihilismus“ angekündigt hat. Judäochristliche Ideen sind über viele
Jahrhunderte hinweg die Basis der abendländischen Kultur gewesen. Das
unausweichliche Wegbrechen dieser Ideen erzeugt zunächst ein Vakuum,
welches nicht innerhalb weniger Jahre ausgefüllt werden kann – dafür
wandelt sich das Kollektivbewußtsein schlichtweg zu langsam.
Aber
wie Frank Lerch bereits in seiner vorigen Untersuchung Das Erbe des
Tieres andeutete, könnte der magische „Hokuspokus“ durchaus dazu
beitragen, den Nihilismus durch eine neue[1]
Positionsbestimmung zu überwinden: „Die
Magie (jene der vom Neuplatonismus und der jüdischen Tradition geprägten
Renaissance-Gelehrten: Lullus, dela Mirandola, Giorgi, Reuchlin, Agrippa,
John Dee etc.) hat im Gegensatz zur Aufklärung nie die Grenze des
Individuums überschritten.“ Nun
ist allerdings die kulturelle Desorientierung unserer Gesellschaft so
fundamental, daß sie selbst den Bereich des vermeintlich „Okkulten“
durchzieht. Der „seriöse“ Anteil des Magisch-Religiösen bleibt
ausschließlich den Amtskirchen vorbehalten, während der Rest mit dem
Stigma der „Esoterik“ versehen wird. Die Ideen, welchen Lerchs Apollon
und Dionysos zugrunde liegt, befinden sich daher zwangsläufig außerhalb
des sogenannten „New Age“ und den ihm innewohnenden
Trivialisierungstendenzen. Indem Lerch an Nietzsches Interpretation der
griechischen Tragödie anknüpft, kehrt er vielmehr zum Ursprung europäischen
Selbstverständnisses zurück: Die Analogien zwischen magischer
Ritualistik und schauspielerischer Darstellung sind kein Zufall, wurzelt
doch das griechische Theater in der magisch-religiösen Zeremonie selbst. Dabei
bleibt Lerch keineswegs bei Nietzsche stehen; er kritisiert auch dessen
„apollinische“ Tendenzen und bemüht Vergleiche etwa zu Theodor W.
Adorno oder Peter Sloterdijk. Ferner skizziert er die
apollinisch-dionysischen Aspekte einzelner Epochen vom alten Ägypten bis
hin zur Neuzeit. Aber nicht nur den Kontrasten, sondern auch dem
komplementären Anteil des Apollinisch-Dionysischen trägt Lerch Rechnung,
z.B. in seiner Analyse des modernen Kinos, welches nicht ohne Grund früher
als „Lichtspieltheater“ bezeichnet worden ist. Besonders hier
verdichten sich die Zusammenhänge zwischen Mythos, Religion, Magie,
Kunst, Schauspiel und Erzählung. Die
Magie scheint sich – angesichts dieser kulturellen Schnittstellen –
nicht wesentlich von anderen sozialen Phänomenen zu unterscheiden: Auch
hier sind die Prinzipien „Formgebung“ und „Auflösung“ maßgeblich.
Für Frank Lerch (aus der Perspektive des Tantrikers schreibend) ist
diesbezüglich Crowleys Forschungsarbeit auf dem Gebiet der Sexualmagie
von essentieller Bedeutung, wenngleich er auch hier nicht mit Kritik
spart. Während die mystische Praxis – z.B. des Yoga – tendenziell
apollinischer Natur ist, entspricht die sexualmagische Praxis im Sinne
Crowleys dem dionysischen Gegenpol. Lerch verweist an dieser Stelle auf
das ambivalente Verhältnis Crowleys zum weiblichen Geschlecht. Ob Crowley
nun die Frau zum passiven Objekt degradiert oder sie zur gefürchteten
„Scharlachfrau“ erhebt – beide Extreme schaffen eine Distanz
zwischen den Geschlechtern, welche zumindest dem Mann zum Nachteil
gereicht. Hinzu kommt, daß sich Crowley stets nach gesellschaftlicher
Anerkennung sehnte, was sich aber schwerlich mit den Standards der „Magick“,
die er selbst kultiviert hatte, vereinbaren ließ. Dem
aufmerksamen Leser dürfte mittlerweile klar geworden sein: Apollon und
Dionysos ist nicht als Einsteigerlektüre geeignet. Wer aus diesem
Buch persönlichen Gewinn ziehen möchte, sollte daher zumindest
Grundkenntnisse auf den Gebieten Crowley und Nietzsche mitbringen und
zumindest einen Teil von Lerchs anderen Büchern gelesen haben. Lerch will
Crowley in erster Linie als Wegebereiter verstanden wissen. Wir können
aus Crowleys Erfolgen UND Fehlern lernen, und falls wir uns selbst zu den
„schwarzen Brüdern“ zählen, eröffnen sich für uns ohnehin völlig
andere Denkansätze. Entscheidend aber ist: Weder das Apollinische noch
das Dionysische sollten überbetont werden, sondern sich gegenseitig ergänzen.“ Rezension: Ulrich Goetz
[1]
„Neu“ ist hier das Stichwort. Es wäre niemandem damit geholfen,
zu einem prärationalistischen Kulturzustand zurückzukehren. Früher
oder später sähen wir uns wieder mit denselben Problemen
konfrontiert.
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