Sein und Werden, Wille und Anschauung, Kultur und Natur sowie zahllose weitere Gegensatzpaare im initiatorischen Prozeß der Ich-Werdung zeugen von einem ewigen Konflikt im Innersten des Menschen, einer Dualität, zu der die ganze Gattung Mensch kraft ihres Bewußtseins verdammt zu sein scheint.

In dieser Schrift widmet sich Frank Lerch der Aufgabe, die verschiedenen Ebenen des Subjektiven und Objektiven, des Inneren und Äußeren, des Erlebens und der Gestaltung in Nietzsches Begriffen des Apollinischen und Dionysischen zu beschreiben, die in beide Richtungen greifen und die die gegensätzlichen Pole der Betrachtung transzendieren. Und dies am Beispiel des bekanntesten Magiers und Okkultisten des 20. Jahrhunderts: Aleister Crowley.

Frank Lerch
Apollon und Dionysos.
Zwei Urkräfte der Magie

Edition Esoterick, Siegburg 2014
2. Auflage
ISBN-10: 3-936830-25-8
ISBN-13: 978-3-936830-25-5
126 Seiten, Paperback
Preis: EUR
9,90 (E-Book EUR 3,99)

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Stimmen zum Buch

„Aleister Crowley wird, so scheint es, mehr kommentiert denn gelesen. Dieser eklektische Mystiker und sein persönliches System der „Magick“ erzeugen in der Öffentlichkeit auch heute noch ein äußerst diffuses, eher negatives Bild. Dies mag primär auf sein exzentrisches Auftreten und seine blumige, mitunter kryptische Ausdrucksweise zurückzuführen sein, denn neben aller (berechtigten wie unberechtigten) Kritik an seiner Person fällt ein wichtiger Aspekt seines Werkes allzu oft unter den Tisch: Seine Botschaft ist absolut gesellschaftskonform, ja nahezu gutmenschlich. In seinem Buch Vier etwa gibt Crowley klar und deutlich zu verstehen: Wer aus reinem Eigeninteresse (z.B. um eines materiellen Vorteils willen) zaubert, ist in seinen Augen ein „Schwarzmagier“ und handelt somit moralisch verwerflich. Was ihm als positive Gegenutopie vorschwebt, ist die Idee des „großen Werkes“. Wenn nur alle Menschen ihren „wahren Willen“ („Thelema“) fänden, so würden sich Crowley zufolge alle egoistischen Einzelinteressen nivellieren und wir würden in einer Welt friedlicher, liebevoller Koexistenz leben. Was ihn von anderen Propheten wie Buddha oder Jesus unterscheidet, ist nicht das Ziel, sondern der Weg: Exzeß anstelle von Askese.

Die exzessive, leidenschaftliche Lebensweise jedoch ist es, die Crowley mit seinen ungeliebten „schwarzen Brüdern“ des Pfades zur Linken (LHP) verbindet – seien es nun Aghoris, Satanisten, Setianer oder andere. Der Lebenskünstler und Autor Frank Lerch, welcher bereits durch die schwarzmagischen bzw. tantrischen Schriften Nightworks, Black Light Pleasures, Ouroboros Files und Das Erbe des Tieres Aufsehen erregt hat, unterzieht nun mit seinem neuen Output Apollon und Dionysos: Zwei Urkräfte der Magie das Prinzip der magischen Ekstase einer LHP-konformen Untersuchung. Im Fokus des Interesses stehen dabei einmal mehr die Möglichkeiten einer persönlichen Ich-Erweiterung. Crowleys „Magick“ dient Lerch hier als Musterbeispiel der abendländischen Magie, auf welches er Friedrich Nietzsches Erklärungsmodell des „Apollinisch-Dionysischen“ projizieren kann. Dieses Modell stellte Nietzsche erstmalig mit seinem philosophischen Debüt Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik im Jahre 1871 vor.

Der Gott Dionysos steht in diesem Kontext für das überbordende Chaos, die rauschhafte Ekstase, das Fremde (Heterogene) und die Grenzüberschreitung – ein Prinzip, wie es z.B. von Georges Bataille intensiv untersucht worden ist. Für den schöpferischen Menschen ist Dionysos zugleich die Summe des unverwirklichten Potentials: Das Rohmaterial, mit dem er arbeiten kann; die archaische Kraft, welche ihn von einengenden Strukturen befreit und inspiriert.

Gänzlich ungelenkt, wirkt Dionysos jedoch ebenso verheerend und zerstörerisch wie ein Flächenbrand. Es bedarf eines ausgleichenden Balancefaktors: Apollon. Erst dort, wo der Mensch eine konkrete Manifestation seiner Vorstellungen auf der materiellen Ebene erwirkt, kann er wirklich frei sein. Vereinfacht gesagt: Wir bringen ins Dasein, was wir, kraft unseres Willens, dem Chaos abgerungen haben.

Die ursprüngliche Begeisterung Nietzsches für die Philosophie Arthur Schopenhauers und die Musik Richard Wagners, welche ihm als Initialzündung seines eigenen philosophischen Schaffens diente, ist für Lerch hier ohne Relevanz. Was ihn an Nietzsches Modell interessiert, ist vielmehr das Potential einer radikalen Neuerklärung der Magie, welche für Lerch bis zum Beginn der Aufklärung ein essentieller Bestandteil der europäischen Kulturgeschichte gewesen ist. An dieser Stelle mag vielleicht deutlich werden, wie komplex und weitreichend das von Lerch angeschnittene Thema ist. Es geht ihm hier nicht nur um die reine Dichotomie zwischen dem „Apollinischen“ und dem „Dionysischen“, sondern auch um die erforderliche Kritik abendländischer Denkkategorien wie „Objekt“ und „Subjekt“, was ebenfalls ein wichtiger Aspekt von Nietzsches Denken gewesen ist.

Obgleich wir der rationalistischen Tradition viel verdanken, stoßen wir nicht zuletzt durch den – in der christlichen Säkularisierung der Welt selbst eingeleiteten! – „Tod Gottes“ auf erhebliche Begründungsprobleme epistemologischer, ethischer und existentialistischer Natur. Wir befinden uns mitten in einem soziokulturellen Umwälzungsprozeß, welchen Nietzsche als „Heraufkunft des Nihilismus“ angekündigt hat. Judäochristliche Ideen sind über viele Jahrhunderte hinweg die Basis der abendländischen Kultur gewesen. Das unausweichliche Wegbrechen dieser Ideen erzeugt zunächst ein Vakuum, welches nicht innerhalb weniger Jahre ausgefüllt werden kann – dafür wandelt sich das Kollektivbewußtsein schlichtweg zu langsam. Aber wie Frank Lerch bereits in seiner vorigen Untersuchung Das Erbe des Tieres andeutete, könnte der magische „Hokuspokus“ durchaus dazu beitragen, den Nihilismus durch eine neue[1] Positionsbestimmung zu überwinden: „Die Magie (jene der vom Neuplatonismus und der jüdischen Tradition geprägten Renaissance-Gelehrten: Lullus, dela Mirandola, Giorgi, Reuchlin, Agrippa, John Dee etc.) hat im Gegensatz zur Aufklärung nie die Grenze des Individuums überschritten.“

Nun ist allerdings die kulturelle Desorientierung unserer Gesellschaft so fundamental, daß sie selbst den Bereich des vermeintlich „Okkulten“ durchzieht. Der „seriöse“ Anteil des Magisch-Religiösen bleibt ausschließlich den Amtskirchen vorbehalten, während der Rest mit dem Stigma der „Esoterik“ versehen wird. Die Ideen, welchen Lerchs Apollon und Dionysos zugrunde liegt, befinden sich daher zwangsläufig außerhalb des sogenannten „New Age“ und den ihm innewohnenden Trivialisierungstendenzen. Indem Lerch an Nietzsches Interpretation der griechischen Tragödie anknüpft, kehrt er vielmehr zum Ursprung europäischen Selbstverständnisses zurück: Die Analogien zwischen magischer Ritualistik und schauspielerischer Darstellung sind kein Zufall, wurzelt doch das griechische Theater in der magisch-religiösen Zeremonie selbst.

Dabei bleibt Lerch keineswegs bei Nietzsche stehen; er kritisiert auch dessen „apollinische“ Tendenzen und bemüht Vergleiche etwa zu Theodor W. Adorno oder Peter Sloterdijk. Ferner skizziert er die apollinisch-dionysischen Aspekte einzelner Epochen vom alten Ägypten bis hin zur Neuzeit. Aber nicht nur den Kontrasten, sondern auch dem komplementären Anteil des Apollinisch-Dionysischen trägt Lerch Rechnung, z.B. in seiner Analyse des modernen Kinos, welches nicht ohne Grund früher als „Lichtspieltheater“ bezeichnet worden ist. Besonders hier verdichten sich die Zusammenhänge zwischen Mythos, Religion, Magie, Kunst, Schauspiel und Erzählung.

Die Magie scheint sich – angesichts dieser kulturellen Schnittstellen – nicht wesentlich von anderen sozialen Phänomenen zu unterscheiden: Auch hier sind die Prinzipien „Formgebung“ und „Auflösung“ maßgeblich. Für Frank Lerch (aus der Perspektive des Tantrikers schreibend) ist diesbezüglich Crowleys Forschungsarbeit auf dem Gebiet der Sexualmagie von essentieller Bedeutung, wenngleich er auch hier nicht mit Kritik spart. Während die mystische Praxis – z.B. des Yoga – tendenziell apollinischer Natur ist, entspricht die sexualmagische Praxis im Sinne Crowleys dem dionysischen Gegenpol. Lerch verweist an dieser Stelle auf das ambivalente Verhältnis Crowleys zum weiblichen Geschlecht. Ob Crowley nun die Frau zum passiven Objekt degradiert oder sie zur gefürchteten „Scharlachfrau“ erhebt – beide Extreme schaffen eine Distanz zwischen den Geschlechtern, welche zumindest dem Mann zum Nachteil gereicht. Hinzu kommt, daß sich Crowley stets nach gesellschaftlicher Anerkennung sehnte, was sich aber schwerlich mit den Standards der „Magick“, die er selbst kultiviert hatte, vereinbaren ließ.

Dem aufmerksamen Leser dürfte mittlerweile klar geworden sein: Apollon und Dionysos ist nicht als Einsteigerlektüre geeignet. Wer aus diesem Buch persönlichen Gewinn ziehen möchte, sollte daher zumindest Grundkenntnisse auf den Gebieten Crowley und Nietzsche mitbringen und zumindest einen Teil von Lerchs anderen Büchern gelesen haben. Lerch will Crowley in erster Linie als Wegebereiter verstanden wissen. Wir können aus Crowleys Erfolgen UND Fehlern lernen, und falls wir uns selbst zu den „schwarzen Brüdern“ zählen, eröffnen sich für uns ohnehin völlig andere Denkansätze. Entscheidend aber ist: Weder das Apollinische noch das Dionysische sollten überbetont werden, sondern sich gegenseitig ergänzen.“

Rezension: Ulrich Goetz



[1] „Neu“ ist hier das Stichwort. Es wäre niemandem damit geholfen, zu einem prärationalistischen Kulturzustand zurückzukehren. Früher oder später sähen wir uns wieder mit denselben Problemen konfrontiert.

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